Technologiedienstleister Ferchau: „Der Ingenieursgeist ist ungebrochen"

Technologiedienstleister Ferchau
„Der Ingenieursgeist ist ungebrochen“

ArtikeldatumVeröffentlicht am 15.07.2026
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„Der Ingenieursgeist ist ungebrochen“
Foto: erstellt mit ChatGPT

Frank Ferchau ist Inhaber und Chairman des Technologiedienstleisters Ferchau, Martin Sauerschnig ist CEO des Geschäftsbereichs Ferchau Aerospace & Defence. Im Interview sprechen die beiden über die Lage der deutschen Luft- und Raumfahrt, die Herausforderungen des Wachstums und Europas Chancen im globalen New-Space-Wettbewerb.

Herr Ferchau, Herr Sauerschnig, Sie haben einen breiten Blick auf die Branche – zivile Luftfahrt, Militär, Raumfahrt. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage?

Holger Martens

Sauerschnig: Es gibt einen guten Grund, warum wir uns vor einem Jahr von dem Begriff "Aviation" getrennt und stattdessen "Aerospace & Defence" als neue Geschäftsbereichsklammer gesetzt haben. Wenn man sieht, wie schwierig es gerade für die Kolleginnen und Kollegen im Automotive-Bereich ist, merkt man: Wir sind durch diesen Dreiklang aus ziviler Luftfahrt, Raumfahrt und Verteidigung in einer facettenreichen Branche mit nachhaltigem Wachstumspotenzial. Aber jedes dieser drei Segmente hat seine eigenen Herausforderungen – und wir als Entwicklungspartner müssen alle drei gleichzeitig lösen. Das ist ein Privileg, aber auch eine neue Herausforderung.

Fangen wir mit der zivilen Luftfahrt an. Was sind dort die drängendsten Themen?

Sauerschnig: Die Botschaft des großen europäischen Flugzeugherstellers ist klar: Liefern, liefern, liefern – Verpflichtungen einhalten, keine Fehler erzeugen. Parallel dazu müssen wir uns aber schon auf das nächste große Entwicklungsprogramm vorbereiten und die dafür nötigen Fähigkeiten vorhalten. Das ist herausfordernd, weil das Tagesgeschäft gerade nicht im Entwicklungsmodus ist, sondern im Auslieferungsmodus.

Und bei der militärischen Luftfahrt?

Sauerschnig: Da ist es ein echter Ramp-up: Es gibt Lieferdruck, Hochlaufdruck, und man sucht nach Fähigkeiten, die nicht beliebig skalierbar sind. Wir bewegen uns in einem Umfeld mit sehr restriktiven Sicherheits- und Vertraulichkeitsanforderungen und speziellen Infrastrukturvorgaben. Gleichzeitig ist die Vielfalt enorm: Wir unterstützen kleine Drohnenhersteller genauso wie große Luftfahrtkonzerne. Die militärische Luftfahrt ist sehr vielseitig, sehr schnell und im Wachstum begriffen. Der Zenit ist bestimmt noch nicht überschritten.

Und die Raumfahrt – wie hat sich dieses Segment verändert?

Sauerschnig: Vor sechs oder acht Jahren sprach man mit einer Handvoll Kunden: meist zwei institutionelle Auftraggeber, ein oder zwei große Raumfahrtunternehmen, ein paar Gerätezulieferer. Heute ist die Kundenbasis durch New Space, Konstellationen und Kleinsatelliten viel breiter geworden. Plötzlich reden wir nicht mehr nur über klassische Raumfahrtanforderungen, sondern über Industrialisierung, hohe Stückzahlen und Serienproduktion. Die Sprache hat sich verändert – weg vom klassischen Raumfahrtvokabular, das früher von ESA oder DLR geprägt wurde. Es gibt mehr Kunden, aber auch ganz unterschiedliche Geschäftsmodelle.

Wie decken Sie diese Vielfalt als Ingenieurdienstleister gleichzeitig ab?

Sauerschnig: Wir haben an unseren Standorten Kompetenzzentren aufgebaut – etwa für Avionik oder Systems Engineering. Was ich an einem Standort entwickle und erprobe, kann ich mit denselben Methoden und Tools sowohl in der zivilen Luftfahrt als auch in der Raumfahrt und der Verteidigung einsetzen. Das funktioniert überall dort, wo die Methoden übertragbar sind – in der Elektronik, im Systems Engineering, bei Verifikation, Qualifikation und Testing.

Wo sehen Sie die Rolle von Ferchau in diesem Ökosystem?

Fabian Stuertz

Ferchau: Immer dann, wenn es darauf ankommt, schnell Ergebnisse zu realisieren – da ist die Ferchau-Gruppe zuhause. Sei es mit Werk- oder Dienstverträgen, indem wir Leistungen oder Ergebnisse liefern, oder durch die kurzfristige Bereitstellung von Fachpersonal. Unser Ziel ist es, tolle Technologien in tollen Projekten mit tollen Menschen zu verbinden – in Deutschland oder international.

Ferchau Aerospace & Defence hat sich nach der Covid-Krise personell verdoppelt. Sind Sie weiterhin auf Wachstumskurs?

Sauerschnig: Ja. Kommerzielle Luftfahrt ist nach wie vor ein großes, wichtiges Segment. Aber die Dynamik im Defence-Bereich hat alles überschattet, und die Raumfahrt hat durch ihre neue Vielfältigkeit ebenfalls Fahrt aufgenommen. Vieles läuft mittlerweile transnational: Wir haben an Standorten in Deutschland, Frankreich, England und weiteren Ländern Fähigkeiten aufgebaut, um diese Internationalität zu bedienen.

Stichwort Fachkräftemangel – spüren Sie den?

Ferchau: Quantitativ nein. Wir erhalten über 200.000 Bewerbungen im Jahr. Aber es gibt Profile, die am Markt sehr knapp sind – etwa in der Militärtechnologie, bei Drohnen oder in der Sensorik. Das sind Qualifikationen, die gerade erst entstehen. Ähnliches haben wir vor fünf Jahren bei elektrischen Antrieben in der Automobilindustrie erlebt: Plötzlich wollten alle unsere Experten gleichzeitig.

Wie bereiten Sie Ihre Mitarbeiter auf neue Technologien vor?

Ferchau: Wir verstehen uns als Fortschrittsbeschleuniger. Wir arbeiten an Projekten, die immer ein bisschen Avantgarde sind. Unsere Mitarbeiter qualifizieren wir entweder direkt über die besten Projekte oder durch gezielte Weiterbildungsprogramme. Wir sind das "Trüffelschwein des Fortschritts" in Deutschland.

Sauerschnig: Das ist mittlerweile auch eine ausgesprochene Erwartungshaltung unserer Kunden: Früher haben wir Kapazität mitgezogen, heute wird erwartet, dass wir diese Antizipation wirklich leben.

Welche technologischen Trends treiben die Branche gerade an?

Sauerschnig: Bei KI ist der Druck enorm. Wir nutzen diese Tools bereits intensiv – etwa beim Onboarding neuer Mitarbeiter oder beim Aufbau von Wissensdatenbanken. Allerdings müssen wir sehr genau darauf achten, welche Daten wir verwenden dürfen – im regulierten Luft- und Raumfahrtumfeld ist das keine Selbstverständlichkeit. Im Verteidigungsbereich ist das große Thema die Multidimensionalität: Raum, Luft, See. Die Vernetzung und Systemintegration von Sensoren und Effektoren in unterschiedliche Plattformen ist ein Riesenthema – und da tun sich viele Chancen auf.

Und nachhaltige Antriebe – ist das Thema erledigt?

Sauerschnig: Nein, wir geben die nachhaltige Luftfahrt nicht auf. Wenn wir jetzt die Kompetenzen verlieren, sind die Spezialisten in drei Jahren weg – abgewandert in die Energiebranche, in die Pharmaindustrie, oder anderswohin. Und dann fangen wir wieder von vorne an.

Wie kann Europa im globalen New-Space-Wettbewerb langfristig konkurrenzfähig bleiben?

Ferchau: Der Schlüssel liegt in der Öffnung für kommerzielle Unternehmen – so wie es die Amerikaner vorgemacht haben. Wir brauchen mehr Wettbewerb und Kommerzialisierung, damit Kapital in diesen Markt fließt. Das bedeutet nicht, staatliche Programme aufzugeben. Aber wir brauchen neben der institutionellen Raumfahrt ein starkes Schwergewicht der kommerziellen Raumfahrt.

Was ist die größte Stärke des Standorts Deutschland – und was die größte Schwäche?

Ferchau: Die größte Stärke sind die Talente und die Begeisterung für das Thema. Es gibt viele Menschen, für die Luft- und Raumfahrt ihr Lebensthema ist. Ich finde es gut, dass diese Branche jetzt mehr Bühne bekommt – auch weil die Automobilindustrie gerade etwas Luft für andere Technologiethemen lässt. Die größte Schwäche ist unsere mangelnde Risikofreude. Fortschritt ist immer mit Rückschlägen verbunden. Ich würde mir mehr Zuversicht in die Technologien von morgen wünschen – und weniger reflexartigen Skeptizismus. Wir sind ein tolles Land mit großartigen Menschen.

Zum Abschluss: Wo steht Deutschland mit seiner Luft- und Raumfahrtindustrie in 20 Jahren?

Sauerschnig: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir uns in einem Aufwind befinden. Der Ingenieursgeist ist ungebrochen. Wenn wir die Lehre aus der Abhängigkeit der Automobilindustrie annehmen, dann wird es automatisch mehr Wertschätzung für diese Branche geben. Neue Player, neue Segmente entstehen, der Markt wird breiter. Und wenn dazu noch couragierte politische Entscheidungen kommen – Förderung, die nicht abbricht, Impulse für souveräne europäische Fähigkeiten –, dann bin ich überzeugt: Luft- und Raumfahrt sowie Verteidigung werden in Deutschland in 20 Jahren eine deutlich stärkere Rolle spielen als heute.