Auf dem Mojave Air & Space Port in der Wüste Kaliforniens ist manches sehr spezielle Fluggerät zu Hause. Doch unter all diesen Exoten sticht das "Model 351" des Herstellers Scaled Composites schon allein wegen seiner schieren Größe heraus. Mit satten 117 Metern Spannweite schlägt das strahlend weiß lackierte Monstrum alle Flugzeuge, die weltweit je gebaut wurden. Dazu kommen die spezielle Doppelrumpf-Konstruktion aus Kohlefaser und sechs PW4056-Strahltriebwerke von Pratt & Whintey, die von zwei in Mojave ausgeschlachteten Boeing 747-400 stammen.
Das nach dem arabischen Fabelvogel Roc benannte Flugzeug flog 2019 zum ersten Mal. Ursprünglich war es vom – zwischenzeitlich verstorbenen – US-Milliardär Paul Allen in Auftrag gegeben worden, der für seinen Plan, Trägerraketen mit Satelliten an Bord aus großer Höhe starten zu lassen, ein maßgeschneidertes Lastenflugzeug brauchte.
Der Baustart erfolgte 2015. Als das Model 351 schließlich am 13. April 2019 zum Jungfernflug abhob, war der Initator bereits tot, und das ganze Projekt stand vor einer ungewissen Zukunft. Erst 2021 hob "Roc" ein zweites Mal ab – mit einer neuen Mission: Hyperschallforschung.
Riesenflugzeug für Hyperschalltests
Konkret münzte Stratolaunch sein riesiges Einzelstück zur fliegenden Startplattform für den autonomen Hyperschall-Testträger Talon-A um, der seinerseits für ein breites Spektrum von Hyperschallflugprofilen ausgelegt ist und kundenspezifische Nutzlast-Experimente mitführt.
Die ersten Flugtests des Gespanns starteten im Herbst 2022. 2024 kratzte ein vom Model 351 aus gestarteter Talon-A-Flugkörper bereits an der Mach 5-Marke.

Stratolaunch nutzt, neben dem einzigartigen Model 351, auch eine Boeing 747-400 als Startplattform. Seit 30. September 2026 gehört zudem eine Boeing 777-200ER zur Flotte.
Konkurrenz im eigenen Stall
Wirklich oft war "Roc" seither allerdings nicht am Himmel über Kalifornien zu sehen. Deutlich häufiger nutzt Stratolaunch für sein Talon-A-Hyperschallprogramm die Boeing 747-400 "Spirit of Mojave" (Kennzeichen N949SL) als Startplattform. Ende September erwarb das Unternehmen zudem eine gebrauchte Boeing 777-200ER, die ebenfalls als Trägerflugzeug dienen soll.

Stratolaunch "Roc" beim Start zu einem Trainingsflug am 2. Oktober in Mojave. Der zuvor letzte Flug des Sechsstrahlers datierte vom 2. Mai 2026. Insgesamt war das Model 351 im laufenden Jahr sechs Mal in der Luft, davon zwei Mal am 2. Oktober.
Zwei Flüge am 2. Oktober
Vergessen hat Stratolaunch seine gigantische Exotin darüber nicht. Am 2. Oktober hob der als N351SL registrierte, 73 Meter lange Doppelrumpf-Sechsstrahler sogar zu gleich zwei Flügen am selben Tag ab.
Zwar währten beide Ausritte nicht allzu lange – beim ersten Mal am Morgen war "Roc" 52 Minuten und beim zweiten Mal am Mittag gar nur 40 Minuten in der Luft. Eine Außenlast hing währenddessen auch nicht unterm Flügel, vielmehr dienten die Flugaktivitäten dem Pilotentraining.

Das Model 351, genannt "Roc", ist mit 117 Metern Spannweite das größte Flugzeug der Welt. Die Aufhängung für den Talon-A-Flugkörper findet sich mittig unterm Flügel, zwischen den Rümpfen.
"Roc" bleibt im Rennen
Dennoch zeigt Stratolaunch mit diesem Lebenszeichen, dass man das Interesse an dem Spezialflugzeug nicht verloren hat. "Diese Flüge, die im Rahmen der Fortbildung der Piloten stattfanden, tragen dazu bei, die Einsatzbereitschaft der Piloten und die Betriebssicherheit aufrechtzuerhalten", schrieb das Unternehmen im Nachgang auf X. "Beides ist unerlässlich, um zuverlässige Hyperschall-Testflüge mit hoher Frequenz über unsere Talon-A-Plattform zu ermöglichen."





