Sprunghafte Nachfrage überfordert die Flughäfen

Deutscher Luftfahrtmarkt erholt sich uneinheitlich

BDL zieht deutsche Branchenbilanz Sprunghafte Nachfrage überfordert die Flughäfen

Der deutsche Luftverkehrsmarkt leidet weiter unter den Folgen der Corona-Pandemie. Während die großen Drehkreuze, einige Langstreckenmärkte und der Frachtverkehr sich bereits erholt haben, leiden vor allem mittlere und kleinere Airports unter gestrichenen Verbindungen und einer sprunghaft gestiegenen Nachfrage, für die es nicht mehr genug Personal gibt.

Der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) stellte am Mittwoch die Branchenbilanz für das erste Halbjahr 2022 vor. Demnach blieb im ersten Quartal die Passagiernachfrage noch deutlich hinter den Erwartungen zurück. Dagegen begann mit dem Osterverkehr eine sprunghafte Markterholung, mit der das Aufkommen von zuvor 51 Prozent des Vergleichswerts aus dem Jahr 2019 schlagartig auf 75 Prozent des Aufkommens von 2019 stieg.

"Eine so deutliche Abweichung der realen Nachfrage gegenüber den Planungen und Vorhersagen ist beispiellos. Das volatile Infektionsgeschehen und das damit verbundene Hin und Her bei Reisebeschränkungen und Reisewarnungen hat eine verlässliche Kalkulation des Reiseverhaltens unmöglich gemacht", sagte BDL-Präsident Jost Lammers.

Die Folge seien Engpässe beim Personal und im Luftraum gewesen. Durch die kriegsbedingten Luftraumsperrungen in Russland und der Ukraine und aufgrund technisch reduzierter Kapazitäten der französischen Flugsicherung müssten im deutschen Luftraum derzeit deutlich mehr Überflüge abgewickelt werden. Zudem fehle an vielen Stellen Personal. Die Rekrutierung neuer Mitarbeiter werde durch eine weitgehende Vollbeschäftigung auf dem deutschen Arbeitsmarkt erheblich erschwert. "Hinzu kommt, dass viele Beschäftigte während der Corona-Pandemie aufgrund unsicherer Zukunftsperspektiven die Unternehmen verlassen haben und in andere Branchen gewechselt sind", so Lammers. Um die Situation langfristig zu verbessern, brauche es strukturelle Reformen.

Lösungen sieht Lammers in einem erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt für Menschen aus Drittstaaten, einer beschleunigten Verwaltungspraxis der Zuverlässigkeitsüberprüfungen sowie einer organisatorischen und technischen Weiterentwicklung der derzeit staatlich durchgeführten Sicherheitskontrollen. Darüber hinaus will die Branche die Abläufe beim Check-in, beim Boarding und perspektivisch auch bei den Grenzkontrollen mittels Digitalisierung und Biometrie beschleunigen.

Die Verkehrsentwicklung während der Corona-Pandemie hat zudem Änderungen der Reiseströme hinterlassen. Dies gilt insbesondere für den innerdeutschen Luftverkehr. Laut Verkehrsstromanalyse des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) blieb beim Wiederanziehen der Verkehrsnachfrage der innerdeutsche Luftverkehr mit Start und Endziel in Deutschland mit nur noch 24 Prozent der Passagiere von 2019 überproportional zurück. Dies sei insbesondere auf eine Verlagerung auf die Schiene zurückzuführen, die durch den intermodalen Ausbau der Netze maßgeblich vorangetrieben werde.

Streckennetz:

Im deutschen Luftverkehr wurden am Ende des ersten Halbjahres 92 Prozent der Strecken des Jahres 2019 wieder bedient, gleichzeitig lag das Sitzplatzangebot bei 75 Prozent. Insbesondere im innerdeutschen Verkehr gab es erhebliche Veränderungen: Der Rückgang von Geschäftsreisen in Deutschland machte sich im dezentralen Flugverkehr zwischen den deutschen Städten bemerkbar (ohne Frankfurt und München): Im Juni 2022 wurden nur 29 Prozent der Sitze von Juni 2019 angeboten und auch das Netz ist nicht so dicht wie 2019. Dagegen ist das Netz zu den Drehkreuzen Frankfurt und München wieder hergestellt, allerdings ebenfalls mit einem geringeren Angebot an Sitzen.

Frachtverkehr:

Bei den Frachtfluggesellschaften hat sich die Nachfrage nach einem sehr starken Jahr 2021 etwas abgeschwächt, liegt aber dennoch 8 Prozent über dem Niveau von 2019. Zu dieser leicht gedämpften Entwicklung beigetragen haben sowohl die Verunsicherung durch den Ukraine-Krieg, aber auch Einreisebeschränkungen und Lockdowns in China sowie Personalengpässe in Deutschland. Die deutschen Frachtflughäfen können sich aber insgesamt im europäischen Markt gut behaupten.

Flugbewegungen:

Die Flugbewegungen lagen im ersten Halbjahr 130 Prozent über dem Vergleichszeitraum 2021 und hatten Engpässe im deutschen Luftraum zur Folge. Dabei ist der Anteil der Überflüge deutlich von 36 auf 42 Prozent angestiegen. Dies ist zum einen auf die kriegsbedingten Sperrungen des Luftraums über Russland, Belarus und der Ukraine zurückzuführen. Zum anderen mussten Überflüge aus dem französischen Luftraum in den deutschen Luftraum verlagert werden, da aufgrund technischer Neuinstallationen Teile des französischen Luftraums für einen längeren Zeitraum vorübergehend nicht nutzbar waren.

Treibstoffpreise:

Die Kerosinpreise haben sich seit dem Angriff auf die Ukraine verdoppelt und in den letzten zwei Jahren mehr als verdreifacht. Der Treibstoffpreis entkoppelte sich ab Februar 2022 sogar von den Rohölpreisen und stieg noch stärker an. Treibstoffkosten betragen im Normalfall ca. 25 bis 35 Prozent der Kosten einer Fluggesellschaft und sind damit ein entscheidender Kostenfaktor. Die Entwicklung des Treibstoffpreises wirkt sich folglich auf die Flugpreise aus.

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