Tim Clark gilt im globalen Airline-Business als eine Art graue Eminenz. Was der langjährige Emirates-Chef sagt, hat daher Gewicht. Umso lieber hätte Boeing wohl weggehört, als Clark vor Kurzem öffentlich über den US-Konzern und das Fiasko um das neue Flaggschiff Boeing 777-9 vom Leder zog. Die 777-9 sollte längst auch bei Emirates im Dienst sein – befindet sich aber nach wie vor im Zulassungsverfahren, während etwa zwei Dutzend Flugzeuge bereits gebaut sind und bei Boeing in Everett auf Halde parken. Weitere Exemplare aus der Frühserie sind ebenfalls fast fertig. Das Los umfasst insgesamt rund 30 Flugzeuge.
Zehn dieser frühen 777-9 sind eigentlich für Emirates bestimmt. Doch der Emirates-Boss will diese Jets auf keinen Fall zu sich nach Dubai holen. "Wir nehmen diese Charge nicht ab, und damit hat es sich", sagte Clark am Rande der Farnborough Airshow gegenüber dem britischen Telegraph. Was der Flugzeugbauer stattdessen mit den Riesen-Zweistrahlern anstelle, "ist aus unserer Sicht seine Sache". Für die Suche nach einem Alternativ-Abnehmer gab Clark Boeing ergänzend einen hämischen Tipp mit auf den Weg: "Heinz wäre sicher interessiert – für Baked-Beans-Dosen."
Clark: 777-9 taugen nur als Konservendosen
Gegenüber dem Telegraph führte Clark weiter aus, die erste Emirates-Charge von zehn Jets erfordere ein solches Flickwerk an Änderungen, um sie auf den neuesten Stand zu bringen, dass sie nicht mehr zweckmäßig seien. Das Design der Boeing 777-9 habe im Zuge der Flugerprobung derart viele konstruktive Modifikationen erfahren, dass sich die noch nach alten Standards gefertigten Flugzeuge technisch schlicht nicht vollumfänglich anpassen ließen.
"Ich bin 2019 mit dem ersten Flugzeug geflogen, das bis auf unsere First-Class-Kabinen vollständig konfiguriert war, und nun schreiben wir das Jahr 2026", sagte Clark dem Telegraph. Seitdem seien sieben Jahre vergangen. "Wir werden diese Flugzeuge nicht nehmen."
Jeder der betreffenden Jets sei höchstens noch zehn Millionen US-Dollar wert – während der Listenpreis für Boeings größtes Flugzeug im Portfolio über 440 Millionen US-Dollar beträgt. Daher der zynische Wink mit dem Zaunpfahl seitens Clark, die betreffenden 777-9 doch besser zu Konservendosen umzuwandeln – sprich: sie zu verschrotten.

Die Boeing 777-9 sollte ursprünglich 2020 in Dienst gehen. Sieben Jahre später ist sie immer noch ohne Zulassung.
Eine 777-9 ist schon verschrottet
Bei einer 777-9 hat Boeing diesen drastischen Schritt tatsächlich schon vollzogen. Die ebenfalls für Emirates vorgesehene Maschine mit der Seriennummer 61950 (WH007) fiel im vergangenen Jahr still und heimlich dem Schlachter anheim. Sie war bereits 2019 aus der Fertigungb gerollt und stand seither – ohne Triebwerke, aber mit Emirates-Farben auf den Flügelspitzen – bei Boeing in Everett. Geflogen ist sie nie.
Das Flugzeug sei nach "den Recycling-Standards der Industrie zerlegt" worden, kommentierte Boeing Commercial Airplanes-Chefin Stephanie Pope den Schritt ihres Arbeitgebers.
Umfangreiches Retrofit-Programm
Dass tatsächlich der Großteil der 777-9-Frühserie diesem traurigen Vorbild folgt, gilt allerdings als unwahrscheinlich. Boeing hat hausintern ein Team gebildet, das sich speziell mit der sogenannten "Change Incorporation" bei den auf Halde produzierten Großraumjets beschäftigt.Dabei geht es um technische Änderungen an Zelle und Triebwerken, die sich im Zuge des Zulassungsverfahrens und durch Änderungen der Konfigurationsstandards ergaben. Dieser Modifikationsprozess sei "ein Großprojekt" und werde "mehrere Jahre" dauern, sagte Boeing-Chef Kelly Ortberg im April.
Die für die Verkehrsflugzeugsparte verantwortliche Stephanie Pope kommentierte gegenüber Medien in Farnbourough, man müsse beim Modifikationsprogramnm für die ersten 777-9 einzeln "abwägen, wie viel Änderungsaufwand damit verbunden ist und welchen Nutzen dies bringt." Boeing prüfe stets, "wie viel diese Änderungen kosten werden und welche Leistungsfähigkeit das Flugzeug haben wird", so Pope weiter. So stelle man sicher, "dass wir die richtige Lösung finden – nicht nur für Boeing, sondern auch für unseren Kunden." Aus Insider-Kreisen heißt es, das Gros der in Everett stehenden 777-9 werde nach den Retrofit-Maßnahmen gut nutzbar sein.

Offenbar hat United Airlines für 20 der ungeliebten Boeing 777-9 aus der Frühserie Interesse angemeldet. Preislich wird sich Boeing für einen Deal stark nach unten orientieren müssen.
Springt United in die Bresche?
Tatsächlich könnte sich laut jüngsten Informationen die US-Airline United für die ungeliebten Riesen-Twins erwärmen. Gleich 20 von ihren Auftraggebern verschmähte Boeing 777-9 habe United im Blick, meldet das Branchenportal Leeham News.
Der US-Carrier steht seinerseits vor der Aufgabe, alternde Boeing 767 und 777-200 in großer Zahl zu ersetzen. 777-9 hat United bislang nicht bestellt. Aber wenn Boeing dem alten Kunden für die Ladenhüter-Jets einen (sehr) attraktiven Preis macht, könnte sich das vielleicht bald ändern.
Ob auch Heinz zum Interessentenkreis für die übrigen Jets gehört, blieb indessen unklar.





