Mit der Twin Otter in das Hawaii des Nordens: Tiree in Schottland

Tiree in Schottland
Per Kurzstreckenflug in das Hawaii des Nordens

ArtikeldatumVeröffentlicht am 11.07.2026
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In der Kombination mit einer stetigen Meeresbrise vom Atlantik und Sandstränden ist es das perfekte Paradies für die besten Windsurfer der Welt. Jeden Oktober zählt die Tiree Wave Classic zu den Topevents in deren Wettkampfkalender. Doch auch für die Luftfahrtfans hat das 19 km lange und 5 km breite Tiree mit seinen knapp 700 Bewohnern einiges zu bieten.

Eine zentrale Ortschaft im eigentlichen Sinn existiert nicht. Stattdessen verteilen sich traditionelle Steinhäuser mit Torfdächern über die Insel verstreut. Verbunden durch einspurige Strassen mit schmalen Ausweichbuchten.

Am heutigen Mittwoch herrscht in Tiree traumhaftes Wetter mit fantastisch blauem Himmel. Der Blick zum fernen Horizont offenbart dagegen ein völlig anderes Szenario. Dunkle Regenwolken stauen sich vor der schottischen Westküste. Im Kontrast dazu macht das von der Sonne verwöhnte Tiree auch im Herbst seinem Namen Ehre. Letzte Sommertouristen haben die Insel verlassen und beschauliche Ruhe kehrt in den Alltag zurück. Alle Herbergen sind nun geschlossen und Einheimische treffen sich nur sporadisch im einzigen Supermarkt.

Flugplatz Tiree in Schottland (Hebriden).
Ralf Kurz

Twin Otter und Islander im Anflug

Plötzlich sind aus nordöstlicher Richtung lauter werdende Motorengeräusche zu hören. Unvermittelt endet die windstille Einsamkeit. Eine DHC-6 Twin Otter von Loganair taucht zum täglichen Morgenkurs aus Glasgow auf. Augenblicke später erscheint schon die nächste Maschine im Anflug auf den verschlafenen Inselairport. Eine Britten-Norman BN-2 Islander von Hebridean Air Services folgt exakt dem Landepfad der soeben gelandeten Twin Otter. Sie ist von ihrer Basis in Oban auf dem Festland gestartet und hat auf der Nachbarinsel Coll Passagiere eingesammelt.

Das 77 Quadratkilometer große Coll zählt rund 160 Einwohner. Jeden Mittwoch und Freitag treffen sich beide Maschinen in Tiree und tauschen Fluggäste aus. Am morgigen Donnerstag kommt die gleiche Islander aus Colonsay, mit 40 Quadratkilometern und etwa 130 Bewohnern noch winziger als Coll. Der Flugplatz in Tiree dürfte damit zum kleinsten und entlegensten Umsteigehub des Kontinents zählen.

Die Abfertigung der beiden Flugzeuge erfolgt routiniert und ist binnen kurzer Zeit erledigt. Daher verschwinden sie bald wieder in Richtung Glasgow und Oban. Erst am späten Nachmittag trifft das selbe Duo zu seinem zweiten Umlauf ein und sorgt abermals für Betriebsamkeit im multifunktionalen Warteraum des kompakten Terminalgebäudes. Um das Boarding zu beschleunigen, gibt es in Tiree, mit Genehmigung der Luftfahrtbehörde, keine Sicherheitskontrollen. Wer aber in Glasgow weiterfliegt, muss dort dann in jedem Fall durch.

Flugplatz Tiree in Schottland (Hebriden).
Ralf Kurz

Schneller als die Fähre

Der logistische Aufwand für einen solchen Minihub mit wenigen Passagiere erscheint enorm, lohnt sich zeitlich aber immer. Denn oft dauert die Reise von Coll oder Colonsay nach Glasgow auf dem Wasser- und anschließendem Landweg mehr als einen Tag. Sicherlich sind Flugtickets trotz hoher staatlicher Subventionen sehr teuer, verglichen mit den Fahrscheinen der Fähren. Aber wer es wegen dringender Angelegenheiten sehr eilig hat, für den spielt das keine Rolle. Für den Staat gilt es darüber hinaus auch, den Trend der zunehmenden Abwanderung von den kleineren Inseln zu stoppen.

Flugplatz Tiree in Schottland (Hebriden).
Ralf Kurz

Drei Runways, aber kein Sprit

Am Flugplatz in Tiree geht es mit Ausnahme der Linienflüge von Loganair und Hebridean Air Services beschaulich zu. Weil kein Flugbenzin verfügbar ist, tauchen andere Besucher äußerst selten auf. Wer die abgelegene Insel ansteuern möchte, muss stets genügend Treibstoff für den Rück- oder Weiterflug im Tank haben. Deshalb stellt das nicht weit entfernte Oban, wo Avgas erhältlich ist, für die Flieger der allgemeinen Luftfahrt eine bevorzugte Option dar.

Für ankommende Besucher wirkt der Airport von Tiree mit drei gekreuzten Runways riesig. Die 1472 Meter lange Hauptpiste 05/23, sowie zwei kürzere Landebahnen 11/29 und 17/36 mit Längen von 799 und 762 Meter, sorgen dafür, für jede Windrichtung bestens gerüstet zu sein.

Flugplatz Tiree in Schottland (Hebriden).
Ralf Kurz

Flug-Zeitreise in ein Naturjuwel

Zu verdanken hat man das heute überdimensionierte Areal seiner strategischen Bedeutung am Ende des Zweiten Weltkrieges. Von hier starteten die viermotorigen Handley Page Halifax der Royal Air Force zur Wettererkundung über den unendlichen Weiten des Nordatlantiks. Bis zu zehn Flugstunden dauerten die Missionen mit dem umgerüsteten, schweren Bomber. Manchmal lieferten sie kriegsentscheidende Informationen. Angeblich wurde der berühmte D-Day, die Invasion der Alliierten am 6. Juni 1944 in der Normandie, aufgrund schlechter Wetterprognosen aus Tiree um einen Tag verschoben. An damalige, dunkle Zeiten erinnert eine blumengeschmückte Gedenktafel vor dem Gebäudeeingang. Am 16. August 1944 kam es zur Kollision zweier Handley Page Halifax über der Insel, wobei alle Besatzungsmitglieder ums Leben kamen.

Verwaltet wird der Flugplatz von Tiree von Highland and Islands Airport Limited, dem staatlichen Flughafenbetreiber aus Inverness. Dieses Unternehmen ist noch Eigentümer von zehn weiteren Airports im schottischen Hochland, auf Orkney, Shetland und den Hebriden. Laut aktuellsten Daten fliegen jährlich rund 9000 Passagiere zwischen Glasgow und Tiree.

An Bord einer DHC-6 Twin Otter von Loganair gleicht der einstündige Flug in jedem Fall einer ungewöhnlichen Zeitreise. Vom hektischen Trubel einer Millionencity in ein scheinbar vergessenes, unberührtes Naturjuwel!