Versäumte Rettung der An-225 „Mrija“
Die Motoren liefen, doch der Startbefehl kam nicht

In der Ukraine laufen Ermittlungen gegen ehemalige Antonow-Verantwortliche. Sie sollen Ende Februar die Zerstörung der An-225 "Mrija" mitverschuldet haben. Demnach standen Crew und Flugzeug in der Nacht vor dem russischen Angriff bereits startbereit im Hangar.

Die Motoren liefen, doch der Startbefehl kam nicht
Foto: Ukrainische Nationalpolizei

Die Rettung der An-225 "Mrija" scheiterte am fehlenden Befehl zum Start. Das ist die These, die bereits seit Monaten vom Antonow-Chefpiloten Dmytro Antonow vertreten wird. Demnach saß die Crew in den frühen Morgenstunden des 24. Februar abflugbereit im Cockpit der "Mrija", sogar die Motoren liefen schon. Mit dem geplanten Flug nach Leipzig wenige Stunden vor Beginn der russischen Invasion hätte man das weltberühmte Einzelstück aus der Schusslinie und in Sicherheit bringen können. Doch daraus wurde nichts, der Startbefehl aus der Antonow-Chefetage kam nicht – und die "Mrija" wurde in den Folgetagen bei Kämpfen um ihren Heimatflughafen Kiew-Hostomel zerstört.

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Screenshot Youtube
Trauriger Anblick: Das Wrack der An-225 "Mrija" auf dem Antonow-Flughafen Hostomel.

"Subversive Aktivitäten"

Die Ausführungen von Dymtro Antonow sind nun Gegenstand eines brisanten Ermittlungsverfahrens, das in der Ukraine vom Inlandsgeheimdienst SBU und der Generalstaatsanwaltschaft angestrengt wurde und in dessen Fokus sich ehemals führende Mitarbeiter des Staatsunternehmens Antonow wiederfinden. Darunter befindet sich auch der damalige Antonow-Generaldirektor Sergej Bytschkow, der bereits Ende März im Zuge interner Untersuchungen von seinen Aufgaben entbunden worden war. Gegen ihn und weitere Mitarbeiter steht der Vorwurf "subversiver Aktivitäten gegen die Ukraine" im Raum, die "während der militärischen Aggression der Streitkräfte der Russischen Föderation" unter anderem "zur Zerstörung der An-225 'Mrija' (...) geführt haben." Dies berichtet die ukrainische Nachrichtenagentur Ukrinform unter Berufung auf Angaben der Generalstaatsanwaltschaft.

Patrick Zwerger
An der "Mrija" liefen zum Zeitpunkt des Kriegsbeginns Wartungsarbeiten, trotzdem wäre eine Evakuierung technisch möglich gewesen, versichert Antonow-Chefpilot Dmytro Antonow.

"Mrija" hätte auch mit fünf Motoren fliegen können

Was genau die damalige Antonow-Führung Ende Februar bewogen hat, der Evakuierung der "Mrija" nicht grünes Licht zu geben, ist offiziell noch unklar, da Teil der laufenden Ermittlungen. Zunächst hatte es im Frühjahr von Unternehmensseite geheißen, das Flugzeug habe sich in Hostomel zur Wartung befunden und eines der sechs Triebwerke sei dabei ausgetauscht worden, weshalb ein Start so kurzfristig nicht möglich gewesen sei. Dem hatte Chefpilot Antonow in mehreren Interviews und auf seinem eigenen Youtube-Kanal jedoch vehement widersprochen. Für die An-225 sei es kein Problem, im Zweifel auch mit fünf Triebwerken abzuheben. Außerdem habe man bereits am 26. Januar aus Leipzig das Angebot erhalten, dort Stellflächen in Anspruch zu nehmen. Dieses Angebot sei von ukrainischer Seite jedoch "nicht sofort akzeptiert" worden.

Dass die Crew am 24. Februar nicht einfach auf eigene Faust startete, sondern schließlich unverrichteter Dinge wieder ausstieg, könne man den Piloten nicht zum Vorwurf machen, unterstrich Antonow. Das sei nicht möglich, man könne sich nicht einfach hinsetzen und losfliegen. "Wir haben keine Guerilla-Optionen für die Abreise", so Dmytro Antonow Anfang Juni in einem Interview mit dem Portal Glavcom.

"Viele Indizien" für einen Angriff

Am 5. Februar war die An-225 von ihrem letzten kommerziellen Einsatz aus Dänemark nach Hostomel zurückgekehrt. Bereits zu diesem Zeitpunkt seien allerdings Warnungen im Raum gestanden, dass eine russische Invasion bevorstünde. Es habe "viele Indizien" gegeben, "dass unsere Flugzeuge so schnell wie möglich aus Hostomel verlegt werden sollten", erklärte Dmytro Antonow im bereits erwähnten Glavcom-Gespräch. "Zum Beispiel haben andere Fluggesellschaften vom 15. bis 17. Februar damit begonnen, ihre Flugzeuge von Parkplätzen in der Ukraine zu entfernen." Bei Antonow dagegen habe man bis zuletzt beschwichtigt und die Mitarbeiter angehalten, "nicht in Panik" zu geraten. "Selbst am Tag des Kriegsbeginns herrschte Frieden, die Zuversicht, dass alles gut werden würde, und es war nicht nötig, irgendwohin zu fliegen. Obwohl es schon zu spät war, irgendwohin zu fliegen", so Dmytro Antonow.

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