Mitflug im Löschflugzeug: Waldbrand löschen mit dem "Fire-Killer" Antonow An-32P

Mitflug im Löschflugzeug
Mit der Antonow An-32P im Kampf gegen das Feuer

ArtikeldatumVeröffentlicht am 16.08.2026
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Vollgas! 5000 PS links, 5000 rechts am Flügel schieben die Antonow An-32P mit Macht in sichere Gefilde. Der Wind zerrt an der Kabine, unter uns und hinter uns züngeln die Flammen. Dichte, braun-graue Rauchsäulen quillen drohend in den Himmel. Gerade hat unser Flugzeug im Tiefflug binnen drei Sekunden acht Tonnen Wasser über brennende Nadelbäume auf einem Berghang im türkischen Hinterland gekippt. Jetzt heißt es hochziehen, abdrehen, dem Rauch entwischen – und nichts wie raus aus der Gefahrenzone.

Mühelos, so scheint es, klettert die An-32P mit der Kennung UR-UZH nach oben, lässt die verkohlten Bäume hinter sich und fliegt zurück über die malerischen Buchten der türkischen Ägäis zu ihrer Basis Dalaman – nur um dort am Boden neues Wasser aufzutanken und Minuten später abermals zum Feldzug gegen die Feuersbrünste anzutreten, die sich seit dem Morgengrauen, wenige Kilometer vom Küstenort Kaş entfernt, über die Hügel fressen.

Es ist jetzt 9 Uhr morgens, an einem Dienstag Ende Juli, und das Thermometer zeigt knapp 40 Grad Celsius Lufttemperatur. Die Besatzung der Antonow ist seit über drei Stunden im Dienst. Um genau 6:01 Uhr, direkt nach Sonnenaufgang, ließ sie zum ersten Mal die beiden Iwtschenko AI-20DM-Turboprop-Triebwerke laufen.

"Firekiller" Antonow An-32P

Drei Flüge gegen die Feuersbrunst haben Crew und Flugzeug seither hinter sich gebracht. Am Ende des Tages werden es elf sein. "Wenn der Wind von Land her weht, brennt es eigentlich immer irgendwo", sagt Vlad Baliuk, verantwortlicher Manager von Xena LLC vor Ort in Dalaman. Seine Mannschaft steht bereit bis Sonnenuntergang, der Tagesrekord liegt bei 15 Einsätzen. "Aber manchmal fliegen wir auch gar nicht, je nachdem, wie man uns braucht."

Xena, 2019 gegründet, steht seit 2021 in der Türkei als fliegende Feuerwehr unter Vertrag. Von Mai bis November halten sich die Ukrainer seither jedes Jahr in Dalaman bereit – sieben Tage die Woche, mit einer besonderen Waffe: Xena ist der weltweit einzige kommerzielle Nutzer der Antonow An-32P – genannt "Firekiller" – und betreibt aktuell zwei Exemplare der Wasserbomber-Variante des Transporters An-32.

Im vergangenen Jahr setzte Xena zeitweise beide Flugzeuge ab Dalaman ein. In der aktuellen Saison muss die 1992 in Kiew gebaute UR-UZH in der Türkei allein die Stellung halten. Die Schwestermaschine UR-UZQ, Baujahr 1991, fliegt heuer gegen Waldbrände in Montenegro.

Löschflugzeug Antonow An-32P von Xena (Ukraine) beim Einsatz in der Türkei.
Patrick Zwerger

Einsatzbasis in Dalaman

In Dalaman haben Flugzeug, Besatzung und Techniker am nordöstlichen Zipfel des örtlichen Flughafens Quartier bezogen. Eine Ansammlung klimatisierter Wohncontainer dient als Aufenthaltsbereich zwischen den Flügen. Auch eine kleine Küche gibt es hier – und eine Köchin, Oksana, die jeden Vormittag aufs Neue frisches Essen zubereitet. Heute stehen Hähnchenschnitzel und Okroschka auf der Speisekarte – deftige kalte Sommer-Suppe, passend zur gleißenden Hitze draußen, unter der die beiden diensthabenden Techniker Volodymyr Naumov und Vitalii Pivenko die An-32P für ihre nächste Mission vorbereiten.

Für die Beiden ist das Containerdorf im Alltag nicht nur Arbeitsort, sondern auch Unterkunft. Während das fliegende Personal zehn Autominuten außerhalb in eigens angemieteten Villen am Stadtrand nächtigt und frühmorgens per Shuttlebus eingesammelt wird, schlafen die Techniker meistens direkt vor Ort. Schließlich gilt es, die An-32P nach jedem harten Einsatztag für den nächsten Morgen fit zu halten.

Volodymyr, der Avioniker und Vitalii, der Triebwerksspezialist sind morgens stets die Ersten und abends die Letzten am Flugzeug. "Wenn die Piloten Feierabend haben, fangen wir erst richtig an", scherzt Volodymyr. Laut Vertrag mit der türkischen Forstbehörde OGM (Orman Genel Müdürlüğü) muss die Antonow bei Alarmierung spätestens nach 20 Minuten in der Luft sein. Bleibt sie aus technischen Gründen wider Erwarten mehr als zwei Stunden außer Gefecht, drohen Vertragsstrafen.

Löschflugzeug Antonow An-32P von Xena (Ukraine) beim Einsatz in der Türkei.
Patrick Zwerger

Kein Spielraum für Fehler

Dieses knappe Zeitfenster gilt den gesamten Tag, Zeit zu verlieren gibt es keine. Entsprechend betriebsam bleibt es auf dem Vorfeld. Während Vitalii und Volodymyr über zwei Feuerwehrschläuche links und rechts in acht Minuten jeweils vier Tonnen Wasser in die seitlich am Rumpf montierten Tanks der An-32P pressen, gehen Kommandant Yevhenii Mosinets, Copilot Roman Balanan, Flugingenieur Oleksandr Malov und Navigator Yevgeny Syzonenko im Cockpit bereits den nächsten Einsatz durch.

Ebenfalls zum Team gehört ein türkischer Observer Pilot. Im Einsatzgebiet unterstützt er die ukrainischen Kollegen beim Austausch mit den Leitstellen am Boden und koordiniert den Wasserabwurf mit.

Flüge ins Feuer sind naturgemäß riskant – und nicht immer en détail berechenbar. In einem kurzen Missionsbriefing setzt sich die Flugbesatzung vor dem Einsatz mit den Bedingungen am Zielort auseinander. Besonders der wechselnde Wind im Gebirge birgt Gefahren – und der Rauch. Den gilt es unter allen Umständen zu meiden, so gut es geht.

"Rauch ist unser Feind – weil er die Sicht versperrt, aber auch, weil er gefährlich für die Triebwerke ist", weiß Manager Vlad. Saugen die Motoren zu viel heißen Rauch ein, droht ein Flammabriss in der Turbine – in Flughöhen von oft nur 40 oder 50 Meter über Grund und Hanglage ein lebensbedrohliches Szenario.

Für Fehler jeder Art – egal ob technisch oder menschlich – birgt der Arbeitsalltag der Xena-Crew generell wenig Spielraum. Da ist es sicher nicht von Nachteil, ein routiniertes und eingespieltes Team in der Verantwortung zu wissen.

Löschflugzeug Antonow An-32P von Xena (Ukraine) beim Einsatz in der Türkei.
Patrick Zwerger

Knochenjob im Cockpit

Im Cockpit der UR-UZH kommen zigtausende Flugstunden Erfahrung zusammen. Allein Flugingenieur "Sascha" Malov hat beruflich über 10.000 Stunden in der Luft verbracht, davon mehr als 4.000 auf der An-32. Pilot Yevhenii flog früher beim Militär Antonow An-26 und An-30, Copilot und Navigator blicken ebenfalls auf eine lange Laufbahn an Schauplätzen in aller Welt zurück.

Alle zusammen haben außerdem ein spezielles Ausbildungsprogramm durchlaufen, um für die Tücken der Löschfliegerei bestmöglich präpariert zu sein. Für Harakiri und Draufgängertum, so viel ist klar, gibt es in diesem Geschäft keinen Platz.

Der Workload im Cockpit bleibt von Start bis Landung hoch, denn geflogen wird stets manuell, ohne Autopilot. Start und Landung übernimmt der Kommandant, für den Reiseflug zur Abwurfzone und zurück zum Flugplatz geht das Steuer an den Copiloten über. Die Abwurfsequenz selbst fliegt dann wieder der PIC. Er gibt das Kommando zum Wasserlassen an den Navigator, der schließlich die Schleusen öffnet, während der First Officer stetig die Umgebung im Auge behält und der Ingenieur die Triebwerksleistung überwacht.

Löschflugzeug Antonow An-32P von Xena (Ukraine) beim Einsatz in der Türkei.
Patrick Zwerger

Ein Löschflugzeug kommt selten allein

In Feuernähe herrscht oft viel Betrieb in der Luft, man ist selten ganz allein. Kollisionswarnsysteme sind Standard, über eine Notfrequenz hält die Besatzung überdies mit anderen Löschflugzeugen und – hubschraubern Kontakt, die im selben Gebiet operieren. Die kommen unter anderem aus den USA – und auch aus Russland, das mehrere Kamow Ka-32, Mil Mi-8 sowie in diesem Jahr auch wieder zwei Berijew Be-200 in die Türkei entsandt hat.

Der Kontakt mit den Russen ist professionell, beschränkt sich für das Xena-Team aber auf das Nötigste, wie Manager Vlad Baliuk erklärt. "Wir werden nicht nach Feierabend mit denen ein Bier trinken gehen, das ist absolut ausgeschlossen. Aber natürlich sprechen wir am Himmel miteinander, wir wollen ja nicht zusammenstoßen – und im Kampf gegen das Feuer stehen wir auf derselben Seite."

Löschflugzeug Antonow An-32P von Xena (Ukraine) beim Einsatz in der Türkei.
Patrick Zwerger

Antonow An-32P – "eine Rakete!"

Mit der Antonow An-32P sieht sich das Xena-Team in diesem Kampf auf gutem Posten. Einst in der UdSSR auf Wunsch der indischen Luftwaffe für Einsätze in hochgelegenen und heißen Regionen entwickelt, ist die An-32 mit ihren insgesamt gut 10.000 PS Leistung eine Art An-26 auf Steroiden – und bringt entsprechend viel Reserve für den harten Löscheinsatz mit. "Das ist eine Rakete, ein großartiges Flugzeug", schwärmt Pilot Yevhenii.

Dazu führt die An-32P laut Flugingenieur Sascha selten mehr als 2600 Kilogramm Kerosin mit – ist also maximal halbvoll getankt. "Im Schnitt verbrauchen wir pro Stunde 1400 Kilogramm Sprit und tanken zwischen den Flügen je nach Bedarf", sagt Sascha. "Wir müssen ja beim Start acht Tonnen Wasser mitschleppen."

Löschflugzeug Antonow An-32P von Xena (Ukraine) beim Einsatz in der Türkei.
Patrick Zwerger

Menschen und Maschine am Limit

Immer im Blick hat die Crew außerdem das Thermometer. Die An-32P ist für den Betrieb bei Temperaturen bis 55 Grad Celsius zugelassen. Speziell in Bodennähe aber wird es tagsüber zur Sommerzeit in Dalaman noch deutlich heißer.

Dicht über dem Asphalt herrschen zur Mittagszeit gut und gerne 70 Grad Celsius – was nicht nur das Personal, sondern auch das Flugzeug an die Grenzen der Leistungsskala treibt. Mehrmals täglich benetzen die Techniker den Parkplatz der Antonow daher mit Wasser, um die abstrahlende Hitze im Zaum zu halten. Das schont insbesondere die Motoren, die zudem alle vier Flugstunden zwischen vier und fünf Liter frisches Öl spendiert bekommen.

Löschflugzeug Antonow An-32P von Xena (Ukraine) beim Einsatz in der Türkei.
Patrick Zwerger

Neues Feuer, nächster Einsatz

Nach spätestens sechs Flügen am Stück braucht die UR-UZH ohnehin eine Verschnaufpause und ein wenig Pflege zwischendurch. Für die Besatzung die willkommene Gelegenheit, sich kurz auszuruhen und ein paar Löffel Suppe zu genehmigen. Abgespült wird anschließend von Hand, jeder wäscht sein Geschirr selbst.

Unterdessen trudeln in der WhatsApp-Gruppe, über die das Xena-Team mit den türkischen Behörden Kontakt hält, bereits die nächsten Einsatzbefehle ein. Die türkische Seite, die gefährdete Gebiete ganztägig und großflächig mit Bayraktar TB-2-Drohnen und Hubschraubern nach neuen Feuern absucht, hat einen großen Waldbrand nördlich der Hafenstadt Fethiye entdeckt – und zieht jetzt die verfügbaren Kräfte in Dalaman zusammen.

Auch die An-32P wird selbstverständlich gebraucht. Engine Start-up in 16 Minuten! "Arbeit ist Arbeit", zuckt Navigator Yevgeny mit den Schultern, stellt seinen Teller zum Trocknen auf – und marschiert mit seinen Kameraden wieder Richtung Flugzeug.