Philipp Prinzing
9 Bilder

Electra-Flug: Lockheed Electra 12A Junior

Lockheed Electra 12A Junior Electra-Flug - ein einziger Genuss!

Inhalt von

Nein, mit Strom hat dieses Flugzeug nicht viel im Sinn. Der Oldtimer mit zwei Motoren, doppeltem Seitenleitwerk und dem Charme eines Cadillac 60 Special scheint nicht nur optisch aus der Zeit gefallen. Eine der seltenen Lockheed 12A Electra Junior hat ein neues Zuhause in Deutschland gefunden.

Lockheed Electra – der Name klingt in Zeiten von Verkehrswende und Elektrifizierung geradezu verheißungsvoll. Doch zumindest in dieser Hinsicht muss der zweimotorige Oldtimer, Baujahr 1937, zwangsläufig enttäuschen. Denn das "Electra" steht weder für klimaneutrale Antriebstechnologie noch für irgendeine andere Innovation, die eine emissionsfreie Luftfahrt befördern könnte. Und doch bringt die Lockheed Electra so manchen Piloten zum Träumen.

Philipp Prinzing
Aus dem Dornröschenschlaf erwacht: Nach 32 Jahren am Boden wurde die Electra restauriert und wieder flugtüchtig gemacht.

Mehr als ein Museumsstück

Für ihre neuen Besitzer ist sie mehr als ein altes Museumsstück: Sie ist lebendige Luftfahrtgeschichte. Tatsächlich stammt die Electra aus einer Zeit, in der die Uhren buchstäblich noch anders tickten. Am 25. Juni 1937, noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, ist die Geburtsstunde der NC18130 in einer Flugzeugfabrik in den USA: Die Firma Lockheed baut den eleganten Tiefdecker unter der Typenbezeichnung 12A Junior. Es ist eine verkleinerte Ausführung der Lockheed Modell 10 Electra. Die Electra Junior hat einen verkürzten Rumpf und das charakteristische Doppelleitwerk. Sie kann maximal sechs Passagiere aufnehmen. Den Jungfernflug absolvierte die Version 12A bereits im Sommer 1936, als in Berlin gerade eine NS-Propaganda-Schau unter dem Deckmantel der Olympischen Spiele veranstaltet wird und die Schatten des kommenden Unheils vorauswirft.

Erste Konstruktionspläne

Im Jahr 1936 läuft auch die Produktion der Lockheed Electra Junior an. Der US-Flugzeugbauer Lockheed ist Anfang der 30er-Jahre durch die Weltwirtschaftskrise in schwieriges Fahrwasser geraten und sieht sich durch seine Konkurrenten, insbesondere durch Boeing, stark unter Druck. Der Entwurf für ein zweimotoriges, glatt beplanktes Flugzeug mit doppeltem Seitenleitwerk soll der Befreiungsschlag werden: Ende 1933 liegen unter dem Namen Lockheed 10 Electra die ersten Konstruktionspläne vor. Das neue Modell ist zur schnellen und wirtschaftlichen Beförderung von zehn Passagieren und Gepäck vorgesehen. Es ähnelt den Konkurrenzmodellen von Boeing, ist aber kleiner und günstiger zu unterhalten. Außerdem ist die Electra Modell 10 schneller als die Konkurrenz und hat eine größere Reichweite. Die Lockheed Electra Modell 12A wird wenig später als ihre kleinere Schwester gebaut.

Philipp Prinzing
Zwei Pratt & Whitney-Motoren sorgen zusammen für mehr als 900 PS Startleistung.

Transporter und Verbindungsflugzeug

Insgesamt werden 130 Maschinen dieser Version produziert. Auch eine militärische Ausführung hält unter den Typenbezeichnungen C-40 und UC-40 Einzug in die Annalen der Luftfahrtgeschichte. Im Kriegseinsatz dienen die Versionen als Transporter und Verbindungsflugzeug oder der Ausbildung von Piloten. Eine der sieben an die US Navy gelieferten Electra Junior ist das erste zweimotorige Flugzeug überhaupt, das auf einem Flugzeugträger landet – im Jahr 1939 auf der "Lexington". Das Flugzeug wird zu diesem Zweck sogar mit einem Bugfahrwerk ausgerüstet.

Einsatz in Kolonien

Die Niederlande bestellen 1939 immerhin zwölf Maschinen für den Einsatz in ihren Kolonien im Pazifik (heute Indonesien). Die als Modell 212 ausgelieferten Versionen sind mit einem Geschützturm auf der Rumpfoberseite ausgerüstet und damit deutlich wehrhafter als die zivile Variante. Außerdem sind sie für 400 Kilogramm Abwurfbewaffnung als Außenlast modifiziert. Der Stückpreis beträgt zu dieser Zeit 690 000 Dollar. Bis zum Einmarsch der Japaner auf der Inselgruppe im Jahr 1942 bleiben die militärischen Lockheed Electra dort im Einsatz.

Philipp Prinzing

Villa Electra

Die zivile Lockheed 12A Electra mit der Seriennummer NC18130 wird bereits fünf Jahre zuvor in den USA an einen Kunden ausgeliefert. Es ist ein wohlhabender Unternehmer namens F. C. Hall, der das Flugzeug direkt vom Werk kauft und ihm den Namen seiner Frau gibt: Villa Electra. Hall ist Sponsor des Rekordpiloten Wiley Post, der sechs Jahre zuvor die Welt in nur acht Tagen und 16 Stunden mit der Lockheed Vega "Winnie Mae" umflogen hat. Bereits im Jahr ihrer Erstzulassung erfliegt Wiley Post bei den Bendix Trophy Air Races mit einem Flug von Los Angeles nach Cleveland den fünften Platz. Er kommt bei dem Air Race nur später ins Ziel als der Sieger, der das Rennen im Gegensatz zu ihm allerdings in einem Jagdflugzeug angetreten hat.

Komfort für Charles de Gaulle

1939 verkauft Hall die Villa Electra an die Gilmore Oil Company, die das Flugzeug in den folgenden Jahren für ihre Firmenwerbung einsetzt. Doch auch dort bleibt sie nicht lange: Im November 1941 übernimmt die Free French Air Force (FAFL) den Tiefdecker. Unter französischem Hoheitszeichen und der Kennung No. 1226 wird die Electra dann während des Zweiten Weltkriegs zum luxuriösen Transportflugzeug für hochrangige Militärangehörige, darunter General Leclerc, General Valin und nicht zuletzt den französischen Volkshelden und General Charles de Gaulle. Dokumentiert ist aus dieser Zeit sogar ein Kampfeinsatz der eigentlich unbewaffneten Electra. Dabei warfen die Franzosen aus der geöffneten Seitentür Handgranaten in Richtung eines Ziels am Boden. Der Einsatz ist vermutlich aufgrund der nicht besonders kriegsentscheidenden Wirkung allenfalls als Fußnote in die Militärgeschichte eingegangen.

Philipp Prinzing
Stil trifft auf pragmatische Lösungen. Der Innenraum bietet Platz für sechs Passagiere und ist tatsächlich recht schlicht gehalten.

Beförderung der englischen Adelsfamilie

Nach dem Krieg fristet die Veteranin beim Earl of Granard in England ein ruhigeres Dasein. Rund 27 Jahre dient sie dort zur Beförderung der englischen Adelsfamilie. Es folgen noch zwei Jahre im Dienst einer französischen Fluglinie, bevor die inzwischen recht betagte Villa Electra 1974 schließlich in Nizza außer Dienst gestellt wird. Danach verfällt der Oldtimer in einen 32 Jahre währenden Dornröschenschlaf. Erst ab dem Jahr 2006 soll er für einen großen Auftritt restauriert und flugtüchtig gemacht werden: Beim Arlington Fly-In 2017 in den USA feiert die Electra als Highlight der Airshow mit historischen Flugzeugen ihren 80. Geburtstag.

Doch damit nicht genug: Nur wenige Monate vor dem Tsunami der Corona-Pandemie wechselt die Maschine erneut den Besitzer. Die deutsche Firma Art Deco Aviation mit Sitz in Neustadt am Rübenberge ist jetzt ihr neuer Eigentümer. Drei Piloten aus Deutschland bringen die Electra im Sommer 2019 in einer abenteuerlichen Reise über den Atlantik nach Europa – eine bemerkenswerte Leistung!

Philipp Prinzing
Rund um das Flugzeug finden sich Unmengen an Details, die optisch herausstechen.

Lebendige Luftfahrtgeschichte

In Deutschland wird sie seither mit viel Liebe zum Detail von fachkundigen Händen gehegt und gepflegt. Bei Airshows und anderen Luftfahrtveranstaltungen soll sie künftig wieder häufiger als ein lebendiges Stück Luftfahrtgeschichte zu sehen sein. Beim größten Verein für historisches Fluggerät in Deutschland, den Quax-Fliegern, will man die Electra wieder regelmäßig in die Luft bringen: Der Verein ermöglicht seinen Mitgliedern besondere Erlebnisflüge mit dem Oldtimer. Darüber hinaus bietet die charismatische Ausstrahlung der Electra auch die passende Kulisse für Events aller Art in den Quax-Hangars in Paderborn und Hannover. Sollten Sie die Villa Electra unterstützen wollen, empfehlen wir die Webseite von Art Deco Aviation, die über verschiedene Möglichkeiten informiert.

Grandioser Zustand

Dass dieses Flugzeug heute noch flugfähig und noch dazu in grandiosem Zustand auf der Startbahn steht, ist gewiss alles andere als selbstverständlich. Der Aufwand für die Instandhaltung solcher fliegenden Raritäten ist immens und wird angesichts der zu erwartenden Auflagen in den kommenden Jahren sicherlich nicht geringer werden. Denn ein Elektroflugzeug wird die Lockheed 12A Electra Junior trotz ihres stolzen Namens wohl nicht mehr werden.

Philipp Prinzing
Dienstgipfelhöhe: 6980 m

Technische Daten

Lockheed 12A Electra Junior

Besatzung: 2
Passagiere: max. 6
Länge: 11,07 m
Spannweite: 15,09 m
Höhe: 2,97 m
Flügelfläche: 32,7 m²
Leermasse: 2615 kg
Startmasse: 4000 kg
Geschwindigkeiten: 220 kts (VNE), 180 kts (VReise)
Reichweite: 1287 km, 1500 km (mit Long-Range-Tank)
Dienstgipfelhöhe: 6980 m
Steigrate: 350 m/min
Triebwerk: 2 × Pratt & Whitney R-985-48 (je 336 kW / 456 PS)

Klassiker Klassiker Einsatzbericht Die letzte Rettung kommt aus der Luft

Wenn man über abgelegenen Gegenden fliegt, stellt man sich unweigerlich...