Zwischen Jumbojet und Buran-Raumfähre: Technik Museum Speyer

Technik Museum Speyer
Zwischen Jumbojet und Buran-Raumfähre

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ArtikeldatumVeröffentlicht am 26.04.2026
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Unter Piloten besitzt das Technik Museum in Speyer längst Kultstatus. Der Anflug auf die Piste 16 führt geradewegs am Dom und an der Boeing 747 mit dem Kranich auf dem Leitwerk vorbei. Wo sonst kommt man als Pilot einer Einmot einem Airliner so nah? Und wo sonst gibt es ein Topmuseum, das so nah am Flugplatz liegt, dass man zu Fuß hinkommt und gleich noch einen Abstecher in die Altstadt machen kann? Auch für Nicht-Piloten ist Speyer immer einen Abstecher wert. Spätestens im Eingangsbereich – bereits von außen machen DC-3, Nord Noratlas und VFW-Fokker 614 als "Gatekeeper" Lust auf mehr – wird klar: Das Technik Museum ist eine Klasse für sich, eine Institution, die in keine Schublade passt. Die Besucher erwartet ein umfassender Blick in die Geschichte der Luft- und Raumfahrt, aber auch in die Welten der Fahrzeuge, Schiffe und sogar der Eisenbahn. Eine riesige Orgel und ein Karussell gehören ebenso zur Ausstellung wie skurrile Maschinen ohne erkennbaren Nutzen. Sogar das Hausboot der Kelly Family hat es vor mehr als 20 Jahren von Köln nach Speyer geschafft. Kurzum: Für einen unterhaltsamen Ausflug in die Welt der Ingenieurskunst ohne allzu hohen wissenschaftlichen Anspruch ist Speyer genau die richtige Adresse.

Ansichten und Exponate im Technik Museum Speyer
Patrick Holland-Moritz

Ikonen ganz nah

Die Boeing 747-230, eine auf die Lufthansa zugeschnittene Version der Königin der Lüfte, ist das weithin sichtbare Aushängeschild des Museums. Ab 1978 flog die D-ABYM für die Kranich-Airline – und absolvierte am 28. Januar 2002 ihren letzten, kurzen Flug von Frankfurt nach Karlsruhe/Baden-Baden. Von dort legte sie, befreit von den Flügeln, die finalen Kilometer in einem spektakulären Transport auf dem Rhein und auf der Straße zurück, bevor sie auf Stützen in einen ewigen Steigflug auf dem Museumsgelände gebracht wurde. Heute können Besucher die "Schleswig-Holstein" von innen besichtigen, haben die seltene Gelegenheit, in den Gepäckraum zu klettern und können bei einem Spaziergang auf dem Flügel aufs Museumsgelände und auf die Stadt zu hinabschauen. Direkt neben der Boeing wirkt die Vickers Viscount 814 mit der Kennung D-ANAF geradezu zierlich. 71 Passagier fanden in der frühen Turboprop Platz, die von 1962 bis 1972 zur Lufthansa-Flotte gehörte und bis 2012 für die Ausbildung von Fluggerätmechanikern genutzt wurde. Zu sehen ist auch eine Dassault Mercure, ein französischer Kurzstrecken-Airliner aus den 1970er Jahren, der sich mit nur einem Dutzend gebauter Exemplare nie durchsetzen konnte.

Ansichten und Exponate im Technik Museum Speyer
Patrick Holland-Moritz

Militärflugzeuge aus Ost und West

Auch Meilensteine der militärischen Luftfahrt sind zu sehen. Eine prominente Vertreterin ist die McDonnell Douglas F-4 Phantom II, die gleich zweimal zu sehen ist: in der Lackierung der US Air Force und als Vertreterin der Kunstflugstaffel Blue Angels. Ebenfalls am Start ist die F-104 Starfighter. Von 916 beschafften Jets verlor die Bundeswehr 269 bei Abstürzen, von denen 116 tödlich endeten – der Begriff "Witwenmacher" hat sich im kollektiven Gedächtnis eingebrannt. Auf dem Freigelände erinnert der zweisitzige Trainer TF-104 G aus dem Jahr 1962 an diese Ära. Seit 2011 gehört auch eine C-160 Transall zur Ausstellung, die einst beim Lufttransportgeschwader LTG 61 in Penzing flog. Sie parkt etwas abseits und kann im Rahmen von Erlebnisführungen besichtigt werden. Auch ein Gang durch die Hallen lohnt sich. Highlights sind neben den zahlreichen kleineren Exponaten zwei Junkers Ju 52 und die Messerschmitt Bf 109 G4 "Nesthäkchen".

Zum Technik Museum Speyer gehört auch, dass Fluggeräte aus Ost und West friedlich vereint in der Ausstellung zu sehen sind. Ein schwerer Brocken aus Sowjetzeiten ist die Antonov An-22, die Ende 1999 medienwirksam in Speyer landete und heute neben dem 17 000-mal gebauten Helikopter Mil Mi-8, einem Seenotrettungskreuzer und einem U-Boot ihre Heimat gefunden hat. Mit 64 Metern Spannweite und 114 Tonnen Leermasse gehört sie zu den größten Propellerflugzeugen der Welt, gebaut, um bis zu 100 Tonnen Last in die Luft zu wuchten. Ihre Dimensionen werden einem bewusst, wenn man im 33 Meter langen und 4,40 Meter breiten Laderaum steht und sich im Verhältnis dazu als klein empfindet. In einem anderen Bereich des Areals kann man die im Vergleich eher unscheinbare Antonov An-26 aus den 1960er Jahren besichtigen, die historisch nicht ganz korrekt als Regierungsflugzeug der DDR gezeigt wird – zumindest flog dieses Muster bei der Nationalen Volksarmee als taktischer Transporter. Im Dienst der DDR-Streitkräfte stand auch die knallrot lackierte Suchoi Su-22 M4.

Ansichten und Exponate im Technik Museum Speyer
Patrick Holland-Moritz

Ausflug in den Weltraum

Ein paar Stockwerke höher hinauf geht es in der Raumfahrt-Halle. Auch hier trifft Ost auf West, und auch hier hat das wichtigste Exponat eine spektakuläre Anreise auf dem Rhein hinter sich. Der sowjetische Buran-Orbiter wurde einst als Pendant zum US-amerikanischen Space Shuttle konzipiert, schaffte aber nur einen einzigen Flug ins All – unbemannt. 2008 gelangte das Raumfahrzeug von Bahrain via Rotterdam nach Speyer, wo eigens eine neue Halle mit 9000 Quadratmetern Ausstellungsfläche auf drei Etagen errichtet wurde. Der Blick ins Innere des Laderaums mit geöffneter Klappe: beeindruckend! Von den amerikanischen Erfolgen der 1960er und 1970er Jahre erzählt die Ausstellung "Apollo and Beyond". Zu sehen gibt es echtes Mondgestein, Nachbauten eines Lunar Rovers, einer Mondlandefähre sowie die Nachbildung lebensgroßer Astronauten der Apollo-Missionen. Auch die aktuelle Ära der Raumstation ISS können Besucher einiges lernen.

Ansichten und Exponate im Technik Museum Speyer
Patrick Holland-Moritz

Einst Erweiterung für Sinsheim

Entstanden ist das Museum Anfang der 1990er Jahre als Ableger des Technik Museums in Sinsheim, das damals an seine Kapazitätsgrenzen gestoßen war. Beide Museen stehen unter der Trägerschaft des gemeinnützigen Vereins Auto & Technik Museum. Überschüsse aus Beiträgen, Spenden und Eintrittsgeldern fließen in den Erhalt der Ausstellungen. Los ging es in Speyer mit der "Liller Halle", einem Fabrikgebäude aus dem Jahr 1913, das deutsche Truppen 1917 im französischen Lille ab- und in Speyer wieder aufgebaut hatten. Ab 1918 waren dort die Pfalz-Flugzeugwerke untergebracht. Heute beherbergt das Gebäude neben Flugzeugen auch Autos und Motorräder. Das Museum umfasst eine 25 000 Quadratmeter überdachte Fläche und ein 150 000 Quadratmeter großes Freigelände mit Platz für mehr als 70 Flugzeuge und Hubschrauber. Mit wechselnden Sonderausstellungen, Transall-Führungen und dem Imax Dome hat das Technik Museum in Speyer immer etwas zu bieten, auch für Wiederholungstäter. Ein Nachteil bleibt: Das 40 Kilometer entfernte Schwestermuseum in Sinsheim ist nicht weniger spannend. Wo sonst kann man den Überschalljet Concorde und ihr sowjetisches Gegenstück Tu-144 zusammen erleben?