Kampf um die verlassene MiG-23-Basis: Kampfhubschrauber, Fighter und Spezialkräfte

Thracian Blade in Südbulgarien
Häuserkampf auf der verlassenen MiG-23-Basis

ArtikeldatumVeröffentlicht am 27.06.2026
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Irgendjemand hat hier das Gras abgemäht – und danach den Grünschnitt einfach liegen lassen. Kiloweise fliegen die halbtrockenen Wiesenfetzen jetzt durch die Luft, als der Cougar-Hubschrauber der bulgarischen Armee zur Landung ansetzt. Fast verschwindet der Drehflügler hinter der, durch den eigenen Abwind aufgetürmten, braun-grünen Wand. Am Horizont nähert sich zeitgleich eine serbische Mi-35M, um den Bulgaren Feuerschutz zu geben.

Der Cougar soll verwundete Soldaten aufnehmen – bulgarische Spezialkräfte, die soeben mit ihren Kameraden aus Österreich, der Schweiz und der Slowakei einen glorreichen Sieg errungen haben: Mit vereinter Kraft ist es ihnen gelungen, ein marodes, würfelförmiges Häuschen zu erobern – etwa 100 Meter Luftlinie entfernt von unserem Standort, wo wir als mediale Beobachter das Geschehen aus sicherer Distanz live mitverfolgen.

Die bulgarische Armee hat zum fulminanten Schlusspunkt der Großübung Thracian Blade 26 geladen, bei der rund 1200 Soldaten aus insgesamt acht Nationen drei Wochen lang gemeinsam Kampftaktiken "in einer multinationalen Umgebung" trainierten, wie es im offiziellen Infoschreiben der Bulgaren heißt.

Ein "Lost Place" erwacht zum Leben

Der Showdown der Übung, dem wir beiwohnen dürfen, findet in Cheshnegirovo statt, gut eine halbe Autostunde von Plowdiw entfernt. Cheshnegirovo war früher ein betriebsamer Stützpunkt der bulgarischen Luftwaffe, doch das ist lange her. Seit 2002 schon gibt es hier keinen regulären Betrieb mehr. Heute versprüht der verlassene Fliegerhorst eine wildromantische Lost-Place-Atmosphäre. Wo früher MiG-23-Kampfjets in Reih und Glied parkten, sprießt heute das Unkraut zwischen den Betonplatten des einstigen Vorfelds empor, verwahrloste Gebäude und zugewucherte Wege prägen das Bild.

Der verlassene Fliegerhorst Cheshnegirovo, Schauplatz der Übung Thracian Blade 26.
Patrick Zwerger

Für den VIP-Demoteil der Übung Thracian Blade aber scheint das verlassene Gelände wie geschaffen. Und so kehrt zumindest für diesen Tag wieder Leben ein in Cheshnegirovo. Am Eingangstor wachen wie dereinst wieder Soldaten, kontrollieren Pässe der anreisenden Besucher und gewähren nur denjenigen Einlass, die auch tatsächlich auf der Gästeliste stehen.

Der Vorhof der ehemaligen Wartungshalle, die heute nur noch eine leere Hülle ist, avanciert temporär zum Pkw-Parkplatz, direkt am alten Taxiway ist eine VIP-Tribüne aufgebaut. Am Rande des Geschehens steht ein verlebter, graublauer Zil-131-Lkw, der sich wunderbar stimmig in den morbiden Charme der alten Basis einfügt. Doch im Gegensatz zu dieser ist der Zil noch aktiv: Mit Kommandostand und zwei Antennen dient er für die kommenden Stunden als mobiler Kontrollturm.

Mi-35M aus Serbien, bulgarische MiG-29 und andere Fluggeräte bei der Übung Thracian Blade 2026 in Bulgarien.
Patrick Zwerger

MiG-29 und Su-25 greifen an

Nach und nach füllt sich die Tribüne mit den wichtigen Persönlichkeiten, gespannte Stille kehrt ein. Und dann beginnt auch schon der heiße Teil des Tages, der den verlassenen Flugplatz Cheshnegirovo für rund 30 Minuten in ein strategisch wichtiges Schlachtfeld verwandelt. Zwei MiG-29 der bulgarischen Luftwaffe, gestartet kurz zuvor auf ihrer Heimatbasis Graf Ignatiewo, greifen von Westen kommend das Gelände an. Sofort werden sie am Himmel von zwei bulgarischen F-16V – ebenfalls zu Hause in Graf Ignatiewo – in die Mangel genommen.

Nach ein paar sehenswerten Kurbeleien geben die rauchenden MiGs gegen ihre Nachfolger klein bei – doch die F-16 allein können die Angreifer allein nicht stoppen. Eine Rotte Su-25 versucht deshalb, die übers Feld vorrückenden gegnerischen Truppen in Schach zu halten. Mit simulierten Bodenangriffen bringen sie die Zuschauer in Wallung – genießen die Su-25 der Bulgaren doch Exotenstatus. Die in Besmer stationierten Sowjet-Schlachtflugzeuge sind die letzten ihrer Art in ganz Europa.

Kampfflugzeuge und Hubschrauber üben bei "Thracian Blade 26" in Bulgarien auf einem verwaisten Fliegerhorst.
Patrick Zwerger

Die Stunde der Hubschrauber

Die Kämpfe um den Stützpunkt sind jetzt in vollem Gange. Eine C-27J Spartan wirft aus 300 Metern Höhe Fracht ab – Ausrüstung für die Spezialkommandos, die Minuten später per Hubschrauber das Zentrum des Geschehens erreichen. Da Thracian Blade vor allem eine Hubschrauberübung ist und das multinationale Helikopter-Trainingszentrum MHTC mit Sitz in Portugal als Schirmherr agiert, beginnt für die beteiligten Besatzungen damit die entscheidende Phase.

In kurzer Folge donnern die Drehflügler der teilnehmenden Streitlkräfte in Ameisenhöhe am Publikum vorbei: bulgarische Cougars, AW169 und Kiowa aus Österreich, noch ein Cougar aus der Schweiz, eine slowakische Black Hawk, eine H145M aus Serbien – und zuguterletzt der Star der Veranstaltung, die serbische Mi-35M, die sich zum ersten Mal überhaupt bei einer Übung des MHTC die Ehre gibt.

Als einziger echter Kampfhubschrauber übernimmt die in Russland gebaute Mi-35M vor Ort die Luftnahunterstützung. Derart geschützt, seilen sich die Spezialkräfte aus den Cougar-Helikoptern ab, sichern das Gebiet. Schüsse sind zu hören, als die Bodentruppen auf das Häuschen vor uns zustürmen.

Kampfflugzeuge und Hubschrauber üben bei "Thracian Blade 26" in Bulgarien auf einem verwaisten Fliegerhorst.
Patrick Zwerger

Breites Übungsspektrum

"Die Missionen bei Thracian Blade 26 umfassen ein breites Spektrum realistischer und praxisnaher Ausbildungsziele, darunter Luftangriffe, Angriffsoperationen, medizinische Evakuierung sowie Spezialaufklärung, NOE-Flüge, Schießübungen mit scharfer Munition und Taktiken zur Bekämpfung der Flugabwehr", vermerkt das offizielle Infoschreiben des MHTC zum Übungsinhalt. Entsprechend lebhaft geht es in der Luft zu, während am Boden die ersten Verletzten vom "Schlachtfeld" weggetragen werden. Nach knapp drei Wochen Training mit Theorieteil zum Auftakt sind die Abläufe bekannt, alles greift ineinander, jeder kennt seine Aufgabe.

Als die Cougars unter dem Schutz der Serben die verwundeten Soldaten aufgesammelt haben und von dannen ziehen, kehrt über Cheshnegirovo wieder Ruhe ein – aber nur kurz, denn von Westen her knattert die Kette der beteiligten Helikopter fürs große Finale heran – nacheinander landen die Hubschrauber auf dem alten Fliegerhorst, rollen vor den Nasen der VIPs und Medienvertreter vorbei und stellen sich auf dem Vorfeld auf.

Mi-35M aus Serbien, bulgarische MiG-29 und andere Fluggeräte bei der Übung Thracian Blade 2026 in Bulgarien.
Patrick Zwerger

Mi-35M als Publikumsmagnet

Gut gelaunt stehen die Besatzungen anschließend vor ihren Choppern Rede und Antwort, vor allem die serbische Mi-35-Crew steht im Fokus des Interesses. Die Serben nehmen es gelassen: "Wir wissen schon, dass wir attraktiv sind", schmunzelt der Pilot. Und der Mechaniker ergänzt: "Wir hatten viel Spaß hier und haben eine Menge neuer Freunde gefunden – wir kommen gerne wieder."

Ein Satz, den der bulgarische Offizier, der sich soeben raschen Schrittes genähert hat, nur zu gerne aufnimmt. "Wir sind alle Nachbarn, Brüder", klopft er dem Serben auf die Schulter, schüttelt ihm die Hand. "Großartig, dass Ihr dabei wart."