Geht Russlands „neuer“ Großraumjet doch in Serie? WASO-Flugzeugwerk / OAK
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Geht Russlands „neuer“ Großraumjet Il-96-400M doch in Serie?

Iljuschin Il-96-400M Geht Russlands „neuer“ Großraumjet doch in Serie?

Seit einer kleinen Ewigkeit steckt die erste Il-96-400M in der Endmontage fest. Ende des Jahres soll sie endlich abheben – und als "fliegendes Labor" herhalten. Auch ein Serienbau scheint plötzlich wieder denkbar. Sinn ergäbe das jedoch nur unter zwei Bedingungen.

Manche Dinge brauchen Zeit. Viel Zeit. Vor allem in Russland. Dort begann das Flugzeugwerk WASO in Woronesch Anfang 2020 mit der Endmontage des ersten Prototypen der Iljuschin Il-96-400M. Dabei handelt es sich um eine modernisierte, um rund neun Meter verlängerte Version der aus den 80er-Jahren stammenden Il-96-300, angetrieben von vier PS-90A-Turbofans "made in Russia". Den Rumpf für das neue Flugzeug hatte WASO weitgehend aus früheren Zeiten vorrätig, als man in Woronesch noch Il-96-400T-Frachter fertigte. Dennoch lief der Zusammenbau des neuen Airliners quälend langsam. Zweieinhalb Jahre später, im Juli 2022, hat das Flugzeug noch immer kein Tageslicht gesehen. Ende 2022 aber soll es endlich flügge werden und zum Erstflug abheben.

Toshi Aoki (CC BY-SA 3.0)
Für die Il-96-400M übernimmt UAC die Zelle und einen Großteil der Komponenten aus der "alten" Il-96-400(T). Die Neuauflage soll jedoch zeitgemäße Avionik erhalten.

"Fliegendes Labor" oder Weltuntergang?

Was mit der Il-96-400M danach passieren soll, das ist offiziell noch immer nicht ganz klar. Einen Serienbau hatte Russlands staatliche Flugzeugbau-Holding UAC im Frühjahr 2021 eigentlich ausgeschlossen – mangels Aufträgen. Niemand wollte den spritfressenden Vierstrahler kaufen. Stattdessen solle der Prototyp als "fliegendes Labor" für neue russische Luftfahrttechnik herhalten, schlugen Vertreter der russischen Regierung Anfang dieses Jahres vor. Das Militär hatte zuvor ebenfalls Interesse angemeldet – man könne die erste Il-96-400M und ein zweites, im Bau befindliches Flugzeug als sogenannte "Weltuntergangsflugzeuge" nutzen.

UAC
Blick ins Innere der Il-96-400M im Mai 2020. Der Rumpfdurchmesser ist 44 Zentimeter größer als der des Airbus A350.

Serienbau doch nicht vom Tisch?

Inzwischen scheint sich die Haltung bei UAC zum Thema Serienbau wieder ein wenig gelockert zu haben. Zumindest will man sich offenbar ein Türchen offenhalten, wie die Aussagen eines von der Nachrichtenagentur Tass zitierten Insiders nahelegen. Der bekräftigt im Gespräch, dass der erste Start der Il-96-400M "bis Ende des Jahres erfolgen" werde. Und erklärt weiter: "Basierend auf den Ergebnissen der Zertifizierungstests wird über die Serienproduktion entschieden."

WASO-Flugzeugwerk / OAK
Die Il-96-400M geht, wie die Basisversion der Il-96, zunächst als Vierstrahler an den Start. Spätere Änderung nicht ausgeschlossen.

Nur unter zwei Aspekten sinnvoll

Allerdings hätte ein möglicher Serienbau der Il-96-400M objektiv betrachtet nur unter zwei Bedingungen Sinn: Zum einen müsste Russland tatsächlich, wie bereits angedeutet, aus dem gemeinsam mit China gestarteten Widebody-Projekt CRAIC CR929 aussteigen. Ein solches Szenario ist durchaus wahrscheinlich, da es im Zuge der durch die gegen Russland gerichteten Sanktionen einer Neuaufstellung des Programms bedarf, bei der China nicht recht mitziehen möchte. Zum anderen bräuchte die Il-96-400M, um als kostengünstiger Ersatz in die dadurch aufklaffende Lücke zu springen, einen Umbau von vier auf zwei Triebwerke. Dafür stünde gegebenenfalls der neue Turbofan PD-35 bereit, den Awiadwigatel aktuell für die CR929 entwickelt. 2024 könnte er verfügbar sein, vielleicht auch etwas später. Bis dahin wäre Zeit, andere Systeme russischer Herkunft zu erproben, die technisch mit westlichen Pendants mithalten können.

Flugzeuge

Il-96-400M-neo

Tatsächlich spricht der von der Tass zitierte Insider davon, die Il-96-400M werde nach Fertigstellung auch "zum Testen technischer Lösungen für Großraum-Langstreckenflugzeuge genutzt". So wolle man zunächst "modernisierte Systeme" russischer Herkunft erproben, "darunter ein vielversprechender inländischer Komplex von Flug- und Navigationsgeräten." Von Tests mit dem PD-35 spricht die Tass-Quelle zwar nicht. Allerdings brachte Oleg Bocharow, Russlands stellvertretender Minister für Industrie und Handel, die Il-96-400M bereits im Januar für ebensolche ins Gespräch. Ihre Auslegung, insbesondere ihr Flügel-Design, prädestiniere die Il-96-400M "als fliegendes Labor zum Testen der PD-35-Triebwerksfamilie" mit Schubstärken zwischen 24 und 50 Tonnen, so Bocharow damals am Rande eines Treffens mit Ministerpräsident Mischustin gegenüber Journalisten.

Fazit

Ende 2022 soll die Iljuschin Il-96-400M endlich abheben – nach dann knapp drei Jahren in der Endmontagelinie. Was mit dem Muster passiert, ist offiziell noch immer unklar – aber wenn Russland tatsächlich aus dem CR929-Programm aussteigt, stünde die Il-96-400M möglicherweise wieder auf dem Zettel. Vorausgesetzt, sie erhält ein Triebwerks-Upgrade und fliegt irgendwann als Zweistrahler durch die Lande. Mit einer solchen "Il-96-400M-neo", ausgerüstet mit zeitgemäßer Avionik, hätte man zumindest ein einheimisches Großraumjet-Produkt, das technisch nicht vollkommen aus der Zeit gefallen ist. Ob es wirklich so kommt? Schwer zu sagen. Sicher ist nur eins: Es wird noch einiges an Zeit ins Land ziehen...

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