Russlands neues Überschallflugzeug kommt ohne Frontscheibe

Wenn er denn kommt...
Russlands Überschalljet kommt ohne Cockpit-Fenster

ArtikeldatumVeröffentlicht am 29.04.2026
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Russischer Überschalljet (Projekt).
Foto: KI-generiert

Der zivile Überschallflug und sein mögliches Comeback faszinieren nach wie vor – längst nicht nur in Russland. In den USA schickt sich das Unternehmen Boom Supersonic an, mit dem Überschall-Airliner Overture die legendäre Concorde zu beerben. Der einsitzige Tech-Demonstrator XB-1 flog bereits 13 Mal – und steht jetzt im Museum.

Währenddessen forscht die NASA mit dem Spezialflugzeug X-59 intensiv an einer Reduktion des Überschallknalls, der beim Durchbrechen der Schallmauer im Flug zwangsläufig entsteht. Genau dieses Phänomen gilt, neben der Frage des Treibstoffverbrauchs, als elementares Hindernis für eine Rückkehr kommerzieller Überschallflugzeuge an den Himmel.

Die X-59 besitzt eine extrem lange, flach zulaufende, lanzenförmige Nase. Sie soll das Knallgeräusch markant verringern helfen. Dafür verzichten NASA und Hersteller Lockheed Martin sogar auf Frontscheiben im Cockpit. Der Pilot fliegt die X-59 ohne direkte Sicht nach vorn – unterstützt von Kameras.

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch das Schukowski-Institut in Russland, das ebenfalls am Konzept für einen zivilen Überschalljet arbeitet. Ein entsprechendes Patent existiert seit Januar, nun verraten die Verantwortlichen weitere Details zu ihrem Entwurf.

Flugzeug ohne Frontscheibe

Andrei Popow, Ingenieur für unbemannte Fluggeräte beim Staatlichen Forschungsinstitut für Luftfahrtsysteme (GosNIIAS), sprach mit der Nachrichtenagentur RIA Nowosti über das Projekt, für das GosNIIAS – unter Federführung des Schukowski-Instituts – die Avionik und Steuerungssysteme entwickeln soll.

Das Design für das Überschallflugzeug sei fertiggestellt, sagte Popow. Es werde "eine gerade, scharfe Nase ohne Windschutzscheibe" besitzen, zitiert ihn RIA. "Das Flugzeug ist ohne Frontscheibe konstruiert: Es wird nur über Kameras, Monitore und Sensoren verfügen." Die Nase sei, anders als bei der Concorde und der sowjetischen Tupolew Tu-144, nicht verstellbar. Dadurch bliebe die Sicht nach vorn durch ein Frontfenster ohnehin marginal. Zusätzliche Infrarotkameras sollen auch den Betrieb bei Dunkelheit ermöglichen.

Schukowski Institut/Rospatent

Flugbereich bis Mach 2

Ähnlich wie bei der X-59 der NASA soll das russische Flugzeug allerdings seitliche Cockpitfenster erhalten – für eine bessere Kontrolle beim Rollen am Boden. Auch die Fluggäste müssen im russischen Überschallflugzeug nicht auf den Blick nach draußen verzichten: "Die Passagiere werden Bullaugen haben", so Popow weiter.

Die Entscheidung, die Windschutzscheibe zu entfernen, beruhe auf aerodynamischen Anforderungen bei Überschallgeschwindigkeit und ermögliche den Betrieb im Geschwindigkeitsbereich von Mach 1.4 bis 2.0.

Lockheed Martin X59 First Flight
Lockheed Martin Aeronautics

Systeme fliegen schon

Erste Systeme für das Überschallprojekt hat GosNIIAS offenbar schon in der Praxis erprobt. Eine Jakowlew Jak-40LL des sibirischen Luftfahrtforschungsinstituts SibNIA diente dafür seit April 2025 als Testflugzeug.

"Während der Flüge in Nowosibirsk wurden Rollen, Start, Steigflug, Reiseflug und Landung ohne Sichtfenster geübt", schreibt hierzu die russische Luftfahrt-Webseite aviation21.ru. "Das System erkannte den Luft- und Bodenverkehr, detektierte Hindernisse auf der Landebahn und hielt einen sicheren Abstand ein."

SibNIA

Eine Frage des Geldes

Die erfolgreichen Flugtests mit der Jak-40LL und der Eintrag des Überschallentwurfs ins Patentregister zeigen, dass es den Russen durchaus ernst ist mit dem Projekt. Allerdings heißt das noch lange nicht, dass am Ende auch tatsächlich ein flugfähiger Demonstrator, geschweige denn ein vollwertiges Passagierflugzeug gebaut wird.

Am Ende wird es, wie so oft, eine Frage des Geldes sein – und der Prioritäten, die man in Russland luftfahrttechnisch setzt.

Andere Prioritäten in Russland

Zumindest auf absehbare Zeit ist die russische Luftfahrtindustrie diesbezüglich mit ganz anderen, sehr viel profaneren Herausforderungen beschäftigt. Schließlich gilt es, die mannigfachen Passagierflugzeugprogramme der Gegenwart endlich in die Spur zu bringen. Dass man sich, gewissermaßen nebenbei, da noch ein aufwendiges Überschallprojekt leisten kann und will, scheint fraglich.

Zumal auch in Russland, genau wie überall sonst auf der Welt, die Frage nach der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit ziviler Überschallflüge längst nicht eindeutig beantwortet ist.

Ein spannendes Unterfangen bleibt das Projekt jedoch allemal – zumindest für die beteiligten Ingenieure.