Daniel Neuenschwander ist seit 2023 ESA-Direktor für astronautische und robotische Exploration, zuvor war er seit 2016 Direktor für Raumtransport. Der Schweizer hat einen Master in physischer Geografie und ist ausgebildeter Linienpilot. Auf der ILA Berlin hat er mit der FLUG REVUE über die Zeit nach der Internationalen Raumstation ISS, eine Zusammenarbeit mit China und die laufenden Verhandlungen mit der NASA über europäische Beteiligungen an Mondmissionen gesprochen.

Daniel Neuenschwander, ESA-Direktor für astronautische und robotische Exploration.
Auf europäischer Seite haben wir traditionell Langzeitmissionen von rund sechs Monaten mit einem umfangreichen wissenschaftlichen Programm und ISS-Unterhaltsarbeiten durchgeführt. Das bleibt auch unser Grundpfeiler bis zum Ende der ISS-Nutzung. Gleichzeitig sind zunehmend kommerzielle Akteure hinzugekommen. Wir haben bereits mit den Axiom-Missionen 3 und 4 Erfahrungen gesammelt, wobei wir unsere ESA-Mitgliedsstaaten spezifisch unterstützt haben – in diesem Fall Schweden und Polen. Jetzt gibt es weitere Akteure, und wir übernehmen dabei eine subsidiäre Funktion zur Unterstützung unserer Mitgliedstaaten. Die entscheidende Frage ist aber: Wie gestalten wir den Übergang von der ISS zu zukünftigen Stationen? Darauf bereiten wir uns intensiv vor. Schon bald wird es kommerzielle Stationen geben, die nichts mit der ISS zu tun haben. Wenn wir europäische Astronauten dorthin schicken wollen, brauchen wir Cargo- und Crew-Transportfähigkeiten und müssen diese neuen Stationen erst zertifizieren – das macht bisher die NASA für uns.
Starlab von Voyager Space ist einer von vier Anbietern im amerikanischen Wettbewerb um kommerzielle Stationen. Von ESA-Seite wollen wir unsere europäische Industrie unterstützen. Ein Experiment an Bord zu haben ist eine gute Sache – aber man braucht auch die entsprechende Infrastruktur, um es betreiben zu können: einen Gefrierschrank, biologische Einrichtungen und so weiter. Unsere Rolle in dieser Übergangsphase sehen wir darin, gemeinsam mit den kommerziellen Anbietern genau diese Ausstattung vorzubereiten und damit auch unsere Nutzungskapazitäten für die Zukunft zu sichern. Langfristig wird das zunehmend in Richtung einer Ankerkunden-Funktion gehen. Die Positionierung des DLR sehe ich in genau diesem Sinne, und wir arbeiten dabei eng mit den nationalen Agenturen zusammen.
Die amerikanische Position hat sich zuletzt sehr dynamisch entwickelt. Auch auf russischer Seite werden wir noch weitere Entwicklungen sehen. Deshalb wollen wir uns alle Optionen offenhalten. Unsere strategischen Kernziele sind klar: Wir wollen Europäer dauerhaft in der niedrigen Erdumlaufbahn halten, ihnen nützliche wissenschaftliche Missionen ermöglichen und die europäische Industrie in ihrer Weiterentwicklung unterstützen. Außerdem brauchen wir Plattformen im niedrigen Erdorbit, um uns auf Langzeitmissionen außerhalb der Erdumlaufbahn vorzubereiten. Um diese strategischen Ziele zu erreichen, gibt es verschiedene Pfade. Wir arbeiten in der astronautischen Raumfahrt immer mit anderen Nationen zusammen. Aber wir müssen unsere eigene Transportfähigkeit zur Raumstation ausbauen. Deshalb haben wir das Programm LEO Cargo gestartet, um zunächst eine Frachtkapazität aufzubauen. Die bemannte Transportfähigkeit werden wir politisch mit Nachdruck auf die Agenda bringen – das ist die kritische Fähigkeit, die wir brauchen, um künftig selbst entscheiden zu können, wohin wir unsere Astronauten schicken. Was Columbus selbst betrifft: Es ist ein wunderbares Forschungsmodul, und die Expertise, die unsere Industrie dabei gewonnen hat, ist von unschätzbarem Wert für zukünftige Projekte. Die Hardware selbst ist inzwischen knapp 20 Jahre alt und hat hervorragende Dienste geleistet – aber der eigentliche Wert liegt in dem Wissen, das wir daraus mitgenommen haben.
Wir arbeiten mit China auf rein wissenschaftlicher Ebene zusammen. In der bemannten Raumfahrt kooperieren wir jedoch nicht mit China. Das hängt auch mit der Struktur des bemannten chinesischen Raumfahrtprogramms zusammen: Es untersteht der CMSA und hat somit eine militärische Dimension. Das ist heute kein Thema für uns – aber man weiß nie, was morgen kommt.
Unsere Beteiligung am Mondprogramm war ursprünglich über das Gateway-Projekt strukturiert – die geplante Raumstation in der Mondumlaufbahn. Für unsere Beiträge zum Gateway hatte die ESA drei Flugtickets erhalten. Nun hat die NASA ihre Gateway-Pläne neu bewertet und will direkt auf die Mondoberfläche gehen. Das bedeutete, dass wir neu verhandeln müssen. Die europäische Industrie war stark in den Aufbau des Gateway involviert. Aber wie in jeder schwierigen Situation müssen wir die Chance nutzen. Ich hatte das Privileg, erste Verhandlungen zu führen, sie sind auch noch im Gange. Wir haben einen ersten wichtigen Erfolg erzielt: eine europäische Beteiligung an Artemis III. Aber das ist immer mit einer langfristigen Perspektive zu sehen. Wir verhandeln heute mit der NASA über verschiedene ESA-Astronauten und verschiedene Missionen auf der Mondoberfläche – und ich habe bewusst die Mehrzahl verwendet.
Es gibt verschiedene Komponenten. Nehmen wir das Halo Lunar Communications System oder auch Lunar Link genannt: Halo ist das amerikanische Modul, Europa hat das Kommunikationssystem dafür bereitgestellt. Wir untersuchen gerade gemeinsam mit der Industrie, ob wir daraus einen eigenständigen Satelliten machen können. Die Hardware ist fast fertig – das würde meiner Meinung nach sehr viel Sinn ergeben. Man könnte damit schrittweise ein Kommunikationsnetzwerk rund um den Mond aufbauen Hand in Hand mit Moonlight, angepasst an den tatsächlichen Bedarf. Dann gibt es das Habitation-Modul I-Hab: Hier prüfen wir alternative Verwendungsmöglichkeiten, aber das ist nicht trivial. Es wurde für einen sehr spezifischen Zweck optimiert, und man muss sorgfältig abwägen, wie viel Investition für eine suboptimale andere Anwendung sinnvoll ist. Und schließlich das Refueling-Modul Lunar View: Hier werden wir die Kerntechnologien herauslösen und weiterführen. Auftanken im All ist ein strategisch wichtiges Thema für die Exploration. Wir haben dabei auch Xenon-Betankungstechnologie, an der das deutsche Unternehmen OHB in unserem Auftrag arbeitet. Diese Fähigkeiten werden wir in einer Multi-Applikations-Logik weiterentwickeln und nutzen.
Mein Team und ich erarbeiten einen Vorschlag, der Generaldirektor der ESA entscheidet dann. Nach Artemis III werden wir mehr wissen.













