Schwedt an der Oder ist bekannt für seine Raffinerie. Bei PCK werden Kraftstoffe, darunter Kerosin, vor allem für Berlin und Brandenburg hergestellt, es gibt eine direkte Pipeline zum Flughafen BER. Bald soll auf dem Raffinerie-Gelände auch synthetisches Kerosin produziert werden. BeSAF – Brandenburg e-SAF (ehemals Concrete Chemicals GmbH) plant im Industriepark Schwedt eine Power-to-Liquid-Anlage mit einer Kapazität von 37 000 Tonnen (30 000 Tonnen e-Kerosin und 7000 Tonnen e-Naphtha) jährlich. Dafür erhält das Konsortium aus ENERTRAG und Zaffra vom Bund und dem Land Brandenburg eine Förderung von 350 Millionen Euro. "Die Anlage wird Deutschlands größte Power-to-Liquid-Anlage im industriellen Maßstab sein und zählt zu den ersten kommerziellen e-SAF-Produktionsprojekten in Europa", sagt Asmara Klein, Pressesprecherin für Zaffra. Der Baubeginn ist für 2028 geplant, in Betrieb gehen soll die Anlage Ende 2030 oder Anfang 2031. Innerhalb von sechs Monaten soll sie ihre volle Produktionskapazität erreichen.
Wasserstoff, CO2, Strom
SAF steht für "Sustainable Aviation Fuels", auf Deutsch nachhaltige Flugkraftstoffe. Die Begriffe e-SAF und e-Kerosin bezeichnen synthetischen, strombasierten Flugkraftstoff, der nicht aus Erdöl und auch nicht aus Biomasse produziert wird. Power to Liquid (PtL) nennt sich das entsprechende Herstellungsverfahren. Aus Wasser und Ökostrom wird mittels Elektrolyse grüner Wasserstoff erzeugt und anschließend mit CO2 zu Synthesegas weiterverarbeitet. Um daraus synthetischen Kraftstoff herzustellen, setzt BeSAF auf die Fischer-Tropsch-Synthese. Das spezielle Verfahren von Zaffra, einem Joint Venture des dänischen Petrochemieunternehmens Topsoe und des südafrikanischen Chemie- und Energiekonzerns Sasol, erreicht nach Unternehmensangaben einen Gesamtkohlenstoffwirkungsgrad von mehr als 95 Prozent, bei gleichzeitig geringem Wasserstoffbedarf und hohen SAF-Ausbeuten. Um die gewünschten Treibstoffeigenschaften zu erhalten, durchlaufen die erzeugten Kohlenwasserstoffe abschließend eine Hydroprocessing-Stufe und werden beispielsweise entschwefelt.
Das so erzeugte Kerosin ist eine Drop-in-Lösung: Es entspricht in seinen Eigenschaften konventionellem Jet-A1 und ist von der internationalen Standardisierungsorganisation ASTM zertifiziert. Seit 2025 schreibt die europäische ReFuelEU-Initiative eine Beimischungsquote von zwei Prozent SAF für alle Flüge, die innerhalb Europas starten, vor. Ab 2030 sollen es sechs Prozent sein. Ebenfalls ab 2030 gilt eine Unterquote von 1,2 Prozent für e-SAF.

An Flughäfen in Europa muss Kerosin seit 2025 zwei Prozent SAF enthalten.
Ökostrom als Hauptenergiequelle
Das für den Herstellungsprozess nötige CO2 will BeSAF lokal von der Papierfabrik LEIPA Georg Leinfelder in Schwedt beziehen. Der Strom soll komplett aus regionalen erneuerbaren Energien stammen, geplant sei eine Kombination aus Photovoltaik und Onshore-Windenergie mit einer Leistung von rund 240 Megawatt. "Der jährliche Strombedarf der Anlage liegt voraussichtlich bei rund 500 Gigawattstunden", so Klein. Das entspricht in etwa dem jährlichen Stromverbrauch von 125 000 Vier-Personen-Haushalten.
Auch wenn die einzelnen Komponenten der geplanten Anlage sich bereits anderweitig technisch bewährt haben, so ist die Integration zu einem funktionierenden Gesamtsystem eine Herausforderung. Entscheidend seien dabei die sichere Versorgung mit CO2, der Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur und die Abstimmung mit regulatorischen Anforderungen, so Zaffra. Neu sei auch die Kombination mit Ökostrom als primärer Energiequelle.
Die größte Hürde sehen die Projektpartner jedoch nicht in der Technologie, sondern in den wirtschaftlichen Bedingungen. "PtL-Projekte erfordern hohe Anfangsinvestitionen, während sich der Markt für e-SAF noch im Aufbau befindet", sagt Klein und verweist auf das Henne-Ei-Problem: Die SAF-Produzenten benötigen langfristige Abnahmeverträge, um in das Geschäft einzusteigen, während die Abnehmer aufgrund der noch deutlich höheren Preise von SAF zögern, solche Verträge zu unterzeichnen.

Die e-SAF-Anlage soll ab 2028 auf dem Gelände der PCK Raffinerie in Schwedt entstehen.
Anschubfinanzierung
Nach Angaben des internationalen Airline-Verbands IATA wurden 2025 weltweit 1,9 Mio. Tonnen SAF hergestellt, das entspricht lediglich 0,6 Prozent der insgesamt im vergangenen Jahr verbrauchten Menge an Flugkraftstoff. Die überwältigende Mehrheit des verfügbaren SAF ist Biokerosin, das aus pflanzlichen und tierischen (Alt-)Ölen und Fetten hergestellt wird. Es kostet laut IATA zwei- bis fünfmal so viel wie Jet-A1. Strombasierter Treibstoff könnte zunächst bis zu zehnmal teurer sein.
Allerdings sieht das BeSAF-Konsortium e-SAF perspektivisch im Vorteil, da sie nicht durch die Verfügbarkeit nachhaltiger Biomasse begrenzt seien. Hinzu kommt die angespannte geopolitische Lage. "Die jetzige Ölpreiskrise macht deutlich: Europa braucht eigene Produktionskapazitäten. Projekte wie BeSAF nutzen lokale Rohstoffe – regional erzeugten Strom und CO2 – und stärken so die Versorgungssicherheit, indem sie die Abhängigkeit von volatilen Importmärkten gezielt abbauen", sagt Gunar Hering, CEO von ENERTRAG. Mit zunehmender Industrialisierung sei zudem von sinkenden Kosten auszugehen. Wichtig sind aus Sicht der potenziellen Produzenten politische Rahmenbedingungen, die den Markthochlauf unterstützen. "Der Zuschuss von 350 Millionen Euro durch Bund und Land Brandenburg ist ein starkes Signal: Er zeigt, dass die Politik die Notwendigkeit erkannt hat, First-of-a-Kind-Projekte gezielt zu unterstützen – und verleiht dem Vorhaben eine politische Rückendeckung, die in der europäischen PtL-Landschaft bislang einzigartig ist", sagt Jan Toschka, CEO von Zaffra. Ein weiterer Impuls ist die von Deutschland geplante zweiseitige e-SAF-Auktion im Umfang von rund zwei Milliarden Euro. Mithilfe dieses Mechanismus will der Staat die Differenz zwischen Ankaufs- und Verkaufspreis über Fördermittel ausgleichen.
Doch allein auf den Staat will sich das BeSAF-Konsortium nicht verlassen. Parallel zur technischen Planung der Anlage werden bereits jetzt Gespräche mit Fluggesellschaften, Kraftstoffanbietern und Händlern geführt, um frühzeitig verlässliche Abnahmeverträge zu schließen. Möglicherweise helfen die wegen des Irankriegs gestiegenen Kerosinpreise dabei.













